13 November 2021

„Zerstört diesen Moment nicht“ – Stunde der Wahrheit auf Klimagipfel

Pulks aus Delegierten reden sich die Köpfe heiss, Sitzungen werden angesetzt und wieder verschoben: Stundenlange, hitzige Debatten haben die Weltklimakonferenz in Glasgow am Samstag weiter massiv verzögert. Der britische Gipfel-PrĂ€sident Alok Sharma bat die rund 200 Staaten am Nachmittag instĂ€ndig, den neuen Entwurf fĂŒr eine AbschlusserklĂ€rung zu beschliessen. Nicht alle Staaten könnten mit jedem Aspekt glĂŒcklich sein. Der Text sei aber „ehrgeizig und ausgewogen“ und daher fĂŒr alle akzeptabel. Zentrale Streitpunkte waren bis zuletzt Klimahilfen fĂŒr arme Staaten und die Forderung nach einem Kohleausstieg.

Sharma bat die Delegierten, die ja allesamt „erfahrene Verhandler“ seien, nun den Konsens zu suchen. „Freunde, die Welt blickt auf uns. Und sie erwartet eine Einigung zum Wohl des Planeten und jetziger und kĂŒnftiger Generationen.“

EU-Kommissar Frans Timmermans warnte die Delegierten vor einem Scheitern auf den letzten Metern. „Um Himmels willen: Zerstört diesen Moment nicht!“, rief der niederlĂ€ndische EU-Kommissar fĂŒr Klimaschutz aus. Im Plenarsaal war zuvor erkennen gewesen, wie schwierig es ist, rund 200 Staaten auf einen Nenner zu bringen. Politiker standen dicht zusammen, gestikulierten wild und diskutierten. Aber: „Ich flehe euch an, nehmt diesen Text an“, sagte Timmermans.

Der Klima-Beauftragte des Inselstaats Tuvalu im Pazifischen Ozean, Seve Paeniu, hielt sein Handy, auf dem seine Enkelkinder zu sehen waren, in die Kamera. Sichtlich bewegt bat er die Delegierten, auf den „Glasgow-Zug fĂŒr mehr Ehrgeiz“ aufzuspringen. Dieser mĂŒsse Fahrt aufnehmen, „und zwar schnell“.

Zu diesem Zeitpunkt lief das Mammutreffens mit etwa 40 000 Delegierten bereits rund 22 Stunden lĂ€nger als geplant. Zwei zentrale Streitpunkte waren Klimahilfen fĂŒr arme Staaten und die Forderung nach einem Kohleausstieg. „Dies wird heute zu Ende gehen“, erklĂ€rte Sharma am Mittag. Eine weitere VerlĂ€ngerung ist aber möglich.

Trotz Widerstands mehrerer Staaten findet sich auch im neuesten Entwurf fĂŒr die AbschlusserklĂ€rung vom Samstagmorgen erstmals seit 25 Jahren die Forderung, weltweit aus der Kohle auszusteigen und zumindest „ineffiziente“ Subventionen fĂŒr Öl, Gas und Kohle zu streichen.

Der Chef von Greenpeace Deutschland, Martin Kaiser, sagte der Deutschen Presse-Agentur, diese Formulierungen seien „absolutes Neuland“ und daher unbedingt zu begrĂŒssen. In der Debatte der Staaten wurde jedoch deutlich: Die Gefahr einer weiteren VerwĂ€sserung der Forderung war real.

Der Text besagt auch, dass alle Staaten bis Ende 2022 ihre nationalen KlimaplÀne nachschÀrfen sollen. Weiterhin bleibt dies aber freiwillig.

Bisher reichen die bei den UN eingereichten PlĂ€ne bei weitem nicht aus, dass 2015 in Paris vereinbarte Ziel zu erreichen, die ErderwĂ€rmung bei 1,5 Grad zu stoppen im Vergleich zur vorindustriellen Zeit. In der ErklĂ€rung wird festgehalten, dass dafĂŒr der Ausstoss klimaschĂ€dlicher Treibhausgase weltweit noch in diesem Jahrzehnt um 45 Prozent sinken muss.

„Der Text ist nicht perfekt“, sagte die Umweltministerin von Costa Rica, Andrea Meza, genauso wie die Vertreterinnen anderer Inselstaaten. Er sei aber ein Schritt nach vorne und enthalte wichtige Elemente.

Erstmals wird die jahrelange Forderung armer Staaten aufgegriffen, einen Geldtopf fĂŒr Hilfen bei SchĂ€den und Verlusten einzurichten. Gemeint sind etwa Zerstörungen oder erzwungene Umsiedlungen nach DĂŒrren, Sturmfluten oder WirbelstĂŒrmen, die infolge der Erderhitzung zunehmen. Die Staaten werden aufgefordert, dafĂŒr Geld einzuzahlen. Konkrete Summen dafĂŒr werden auch im neuen Entwurf nicht genannt.

Der Klimaexperte der Organisation Oxfam, Jan Kowalzig, kritisierte, dass weiter nur technische UnterstĂŒtzung nach Schadensereignissen bereitstehen soll, aber nicht der komplette Schaden beglichen werde. Zu einem neu angekĂŒndigten mehrjĂ€hrigen Dialogprozess ĂŒber Reparationszahlungen sagte er der dpa: „Das halte ich nicht mal fĂŒr einen Schritt nach vorne, sondern fĂŒr eine Nebelkerze.“

KlimaschĂŒtzer warfen den Industriestaaten vor, die armen LĂ€nder allein zu lassen. „Der letzte Entwurf der AbschlusserklĂ€rung ist ein klarer Verrat der reichen Nationen – der USA, der EU und Grossbritanniens“, kritisierte Tasneem Essop, Chef des KlimabĂŒndnisses Climate Action Network, am Samstag in Glasgow. Sie weigerten sich, fĂŒr von ihnen verursachte SchĂ€den und Verluste zu zahlen. Damit liessen sie jegliche SolidaritĂ€t und VerantwortungsgefĂŒhl vermissen.

(text:sda/bild:unsplash)