1 Juli 2022

Weiter K├Ąmpfe in Ostukraine – Mehr Tote durch Raketen nahe Odessa

Im Ukraine-Krieg gehen die K├Ąmpfe im Osten des Landes unvermindert weiter. Das russische Vorr├╝cken konzentrierte sich am Freitag auf die Stadt Lyssytschansk – den letzten grossen Ort, den die ukrainischen Truppen im Gebiet Luhansk noch halten.

Die Zahl der Toten bei russischen Raketenangriffen auf ein Wohnhaus und eine Freizeiteinrichtung in der N├Ąhe von Odessa erh├Âhte sich auf mindestens 21.

In Bulgarien k├Ânnte Russland als Reaktion auf die Ausweisung von Diplomaten erstmals eine Botschaft in einem EU-Land schliessen. ├äusserungen des umstrittenen ukrainischen Botschafters in Berlin, Andrij Melnyk, ver├Ąrgerten unterdessen den Verb├╝ndeten Polen.

Russische Truppen melden Erfolge in Lyssytschansk

Russlands Milit├Ąr r├╝ckt in der Stadt Lyssytschansk eigenen Angaben zufolge immer weiter vor. Mittlerweile sei die ├ľlraffinerie der Grossstadt im Luhansker Gebiet unter russischer und prorussischer Kontrolle, sagte der Sprecher des Verteidigungsministeriums in Moskau, Igor Konaschenkow, am Freitag. Der ukrainische Generalstab teilte in seinem Lagebericht mit: „Der Feind konzentriert seine Hauptanstrengungen auf die Einkreisung der ukrainischen Soldaten in Lyssytschansk von S├╝den und Westen her und die Herstellung der vollst├Ąndigen Kontrolle ├╝ber das Gebiet Luhansk.“ Unabh├Ąngig ├╝berpr├╝fen liessen sich diese Angaben nicht.

Die Eroberung von ganz Luhansk ist eines der erkl├Ąrten Ziele Moskaus in dem bereits seit mehr als vier Monaten andauernden Krieg. In der vergangenen Woche hatte das ukrainische Milit├Ąr die nur durch einen Fluss von Lyssytschansk getrennte Grossstadt Sjewjerodonezk aufgeben m├╝ssen.

Ukraine feiert R├╝ckeroberung der Schlangeninsel

W├Ąhrend Russland in der Ostukraine weiter seine milit├Ąrische ├ťberlegenheit ausspielt, kann Kiew ├╝ber die R├╝ckeroberung der symboltr├Ąchtigen Schlangeninsel im Schwarzen Meer jubeln. Nachdem die russische Armee am Donnerstag den Abzug angek├╝ndigt hatte, haben die Soldaten nach ukrainischen Angaben die kleine Insel inzwischen verlassen. Nach ukrainischen Milit├Ąrangaben erlaubt die Schlangeninsel im Schwarzen Meer die Kontrolle ├╝ber Teile der ukrainischen K├╝ste und Schifffahrtswege.

Zahl der Toten nahe Odessa steigt weiter an

Die Zahl der Toten infolge russischer Raketenangriffe nahe Bilhorod-Dnistrowskyj im S├╝den der Ukraine nahe der Grossstadt Odessa ist auf mindestens 21 gestiegen. Dies teilte der Zivilschutz am Freitag mit. Zun├Ąchst war von zehn Todesopfern die Rede gewesen. Mindestens 39 Menschen wurden weiter in Krankenh├Ąusern behandelt.

Der Milit├Ąrverwaltung zufolge schlugen insgesamt drei russische Raketen ein. Dabei seien ein Mehrfamilienhaus und ein Erholungszentrum getroffen worden. Die Bundesregierung verurteilte den Raketenangriff auf das Sch├Ąrfste. „Dies f├╝hrt uns erneut auf grausame Art und Weise vor, dass der russische Aggressor den Tod von Zivilisten bewusst in Kauf nimmt“, sagte Regierungssprecher Steffen Hebestreit am Freitag in Berlin.

Ukraine soll Korruption eind├Ąmmen

EU-Kommissionspr├Ąsidentin Ursula von der Leyen forderte von der Ukraine auf dem Weg in die Europ├Ąische Union weitere Anstrengungen etwa im Kampf gegen Korruption und den Einfluss von Oligarchen. Das Land habe bereits grosse Fortschritte erzielt, sagte die deutsche Politikerin am Freitag in einer Video-Ansprache vor dem Parlament in Kiew. Viele der notwendigen Gesetze und Institutionen gebe es bereits. Nun sei es an der Zeit, diese Schritte in „einen positiven, dauerhaften Wandel“ umzusetzen.

Die EU hatte die Ukraine vergangene Woche offiziell in den Kreis der Beitrittskandidaten aufgenommen, dies jedoch an weitere Reformen gekn├╝pft. „Es liegt ein langer Weg vor uns, aber Europa wird an Ihrer Seite sein“, sagte von der Leyen.

Russische Botschaft in Sofia k├Ânnte schliessen

Nach der angek├╝ndigten Ausweisung 70 russischer Diplomaten aus Bulgarien erw├Ągt Moskau den kompletten Abbruch der diplomatischen Beziehungen. Russlands Aufforderung an Bulgarien, die bislang gr├Âsste Diplomaten-Ausweisung in dem EU-Land zur├╝ckzunehmen, sei ignoriert worden, kritisierte Russlands Botschafterin in Sofia, Eleonora Mitrofanowa, am Freitag der Agentur Interfax zufolge. Deshalb werde nun die Schliessung der gesamten russischen Vertretung diskutiert. Bulgarien w├Ąre das erste EU-Land, in dem Russland seine Botschaft dichtmacht. Das wiederum w├╝rde „unweigerlich“ auch das Ende f├╝r die Arbeit von Bulgariens Botschaft in Moskau bedeuten, so Mitrofanowa.

Melnyk provoziert auch in Polen

Polen kritisierte die ├äusserungen des ukrainischen Botschafters in Berlin, Andrij Melnyk, ├╝ber den fr├╝heren Nationalistenf├╝hrer Stepan Bandera (1909-1959). „So eine Auffassung und solche Worte sind absolut inakzeptabel“, sagte Vize-Aussenminister Marcin Przydacz am Freitag der Internetplattform Wirtualna Polska. Nationalistische Partisanen aus dem Westen der Ukraine waren 1943 f├╝r ethnisch motivierte Vertreibungen verantwortlich, bei denen Zehntausende polnische Zivilisten ermordet wurden.

Melnyk hatte Bandera in einem Interview mit dem Journalisten Tilo Jung in Schutz genommen und gesagt: „Bandera war kein Massenm├Ârder von Juden und Polen.“ Daf├╝r gebe es keine Belege. Das ukrainische Aussenministerium hatte daraufhin auf seiner Webseite erkl├Ąrt, dies sei Melnyks pers├Ânliche Position und nicht die des Ministeriums, dem er unterstellt ist. Melnyk ist in Deutschland auch durch Kritik an der Ukraine-Politik der Bundesregierung bekannt. Am Donnerstag hatte der Diplomat zahlreiche deutsche Prominente, die sich in einem Appell f├╝r einen Waffenstillstand im Ukraine-Krieg aussprachen, als „Haufen pseudo-intellektueller Versager“ tituliert.

(text:sda/bild:unsplash)