1 November 2021

Warnungen an der UN-Klimakonferenz – “Schaufeln unser eigenes Grab”

Mit einem leidenschaftlichen Appell hat UN-GeneralsekretÀr António Guterres die Staaten der Welt zu viel mehr Ehrgeiz im Kampf gegen die ErderwÀrmung ermahnt.

SĂ€mtliche bereits zugesagten Anstrengungen beim Klimaschutz reichten hinten und vorne nicht aus, um eine Katastrophe abzuwenden, warnte er am Montag beim feierlichen Auftakt der Weltklimakonferenz COP26 im schottischen Glasgow vor Dutzenden Staats- und Regierungschefs. “Wir schaufeln uns unser eigenes Grab.” Auch US-PrĂ€sident Joe Biden und die scheidende deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel forderten in Reden mehr Tempo beim Klimaschutz. “Wir sind nicht da, wo wir hinmĂŒssen”, sagte Merkel.

Auf Einladung der Vereinten Nationen beraten in Schottland Regierungsvertreter aus rund 200 Staaten zwei Wochen lang, wie die die beschleunigte Erderhitzung noch auf ein ertrĂ€gliches Mass eingedĂ€mmt werden kann. Ein DĂ€mpfer war aber am Sonntag vom G20-Gipfel gekommen: Die WirtschaftsmĂ€chte fassten nur vage BeschlĂŒsse zum Klimaschutz und scheiterten aus Sicht der meisten Beobachter daran, ein starkes politisches Signal nach Glasgow zu senden.

Guterres verlangte, alle Regierungen mĂŒssten ihre Subventionen fĂŒr fossile Brennstoffe wie Öl, Gas und Kohle abschaffen, aus der Kohle aussteigen und einen Preis fĂŒr sĂ€mtliche Treibhausgas-Emissionen festlegen. “Es ist an der Zeit, zu sagen: Genug”, sagte Guterres. “Genug brutale Angriffe auf die Artenvielfalt. Genug Selbstzerstörung durch Kohlenstoff. Genug davon, dass die Natur wie eine Toilette behandelt wird.”

Merkel, die als damalige deutsche Umweltministerin schon bei der allerersten UN-Klimakonferenz 1995 dabei war, warnte vor den “verheerenden Auswirkungen des Klimawandels”. Beim Kampf gegen die ErderwĂ€rmung trĂŒgen besonders die IndustrielĂ€nder Verantwortung. Es gehe um eine “umfassende Transformation” unseres Lebens, Arbeitens und Wirtschaftens. Dies funktioniere nur ĂŒber einen Preis auf den Ausstoss von Kohlendioxid.

Biden sagte zu den versammelten Staatschefs: “Wir stehen an einem Wendepunkt der Weltgeschichte.” Es bleibe nur noch ein kurzes Zeitfenster zum Handeln. “Glasgow muss der Startschuss fĂŒr ein Jahrzehnt des Ehrgeizes und der Entschlossenheit sein”, fĂŒgte er an. Die USA wollten mit gutem Beispiel vorangehen. “Ich weiss, dass das nicht der Fall war. Deshalb macht meine Regierung Überstunden, um zu zeigen, dass unser Engagement fĂŒr den Klimaschutz aus Taten und nicht aus Worten besteht.” Bidens VorgĂ€nger Donald Trump hatte daran gezweifelt, ob der Klimawandel ĂŒberhaupt menschengemacht ist – solche Zweifel sind wissenschaftlich klar widerlegt.

Der Gastgeber der Konferenz, der britische Premierminister Boris Johnson, schwor die Weltgemeinschaft ebenfalls auf schnelles und ehrgeiziges Handeln ein. “Es ist eine Minute vor Mitternacht auf der Uhr des Weltuntergangs”, sagte er. “Wir fĂŒhlen uns vielleicht nicht wie James Bond, und sehen vielleicht auch nicht so aus.” Aber mit Blick auf den Film-Geheimagenten und die Gefahr der Erderhitzung sagte er: “Lasst uns diese Bombe entschĂ€rfen.”

Der britische Thronfolger Prinz Charles erinnerte an die wichtige Rolle des Privatsektors fĂŒr eine klimaneutrale Zukunft. Industrie und Banken hĂ€tten Billionen, um die Transformation voranzutreiben. “Wir wissen durch die (Corona)-Pandemie, dass der Privatsektor Fristen drastisch verkĂŒrzen kann, wenn sich alle auf die Dringlichkeit und Richtung einer Sache einigen.”

Die Erde hat sich im Vergleich zum vorindustriellen Niveau schon jetzt um etwa 1,1 Grad erwÀrmt; in Deutschland sind es bereits 1,6 Grad. In Paris hatte sich die Staatengemeinschaft vor sechs Jahren darauf geeinigt, die ErderwÀrmung möglichst auf maximal zwei Grad, besser 1,5 Grad, zu begrenzen. Bislang reichen die eingereichten PlÀne der Staaten dazu aber bei weitem nicht aus.

Unter den rund 28 000 Menschen, die in Glasgow erwartet werden, sind auch zahlreiche Aktivistinnen und Aktivisten, die auf den Strassen fĂŒr eine ehrgeizigere Klimapolitik protestieren wollen – darunter die weltweit prominenteste Aktivistin, die 18-jĂ€hrige Schwedin Greta Thunberg.

Ein offener Brief fĂŒhrender Aktivistinnen um Thunberg an die Staatenlenker der Erde fand in kurzer Zeit mehr als eine Million UnterstĂŒtzer. Bis zum Montagnachmittag hatten den zum Start der Weltklimakonferenz veröffentlichten Aufruf fast 1,1 Millionen Menschen online mit ihrer E-Mail-Adresse unterzeichnet. In diesem fordern Thunberg, Vanessa Nakate aus Uganda, die Polin Dominika Lasota und Mitzi Tan von den Philippinen die Staats- und Regierungschefs auf, der Klimakrise endlich entscheidend und mit sofortigen und drastischen Massnahmen zu begegnen.

(text:sda/bild:sunsplash)