12 Dezember 2021

Verw├╝stung und Trauer nach Durchzug von Tornados in USA

Nach verheerenden ├ťberschwemmungen, Hurrikanen und Waldbr├Ąnden sind die USA nun von heftigen Tornados mit vermutlich Dutzenden Toten heimgesucht worden. Besonders schwer betroffen ist der Bundesstaat Kentucky, dessen Gouverneur Andy Beshear am Samstag mit Blick auf die Zerst├Ârung sagte: „Wir sind Ground Zero.“ Er sei sich sicher, dass die Zahl der Toten alleine in seinem Bundesstaat im S├╝dosten der Vereinigten Staaten 70 ├╝bersteigen werden. „Sie k├Ânnte sogar ├╝ber 100 liegen.“ Die Nacht zu Samstag sei „eine der h├Ąrtesten“ in der Geschichte Kentuckys gewesen. „Ich glaube, dass dies der t├Âdlichste Tornado sein wird, der jemals durch Kentucky gezogen ist.“

Die „New York Times“ sah es mittlerweile als gesichert an, dass allein in Kentucky mindestens 70 Menschen ums Leben kamen. CNN meldete am fr├╝hen Sonntagmorgen, es werde bef├╝rchtet, dass mehr als 80 Menschen in den US-Staaten Kentucky, Mississippi, Missouri, Arkansas, Illinois und Tennessee gestorben seien. Es d├╝rften jedoch Tage vergehen, bis das volle Ausmass der Katastrophe bekannt wird. Der Sender berichtete von mehr als 30 Tornados in den sechs Bundesstaaten.

Allein in Kentucky hinterliessen die Tornados ├╝ber 200 Meilen (320 Kilometer) hinweg eine Schneise der Verw├╝stung. „Alles in ihrem Pfad ist weg. H├Ąuser, Gesch├Ąfte, Regierungsgeb├Ąude – einfach weg. Teile von Industrieanlagen, D├Ącher sind in B├Ąumen. Es ist schwer vorstellbar, dass das ├╝berhaupt m├Âglich ist“, sagte Beshear. „Die Verw├╝stung ist mit nichts zu vergleichen, was ich in meinem Leben gesehen habe, und ich habe M├╝he, es in Worte zu fassen.“

Die Tornados verwandelten unter anderem eine Kerzenfabrik in Mayfield in ein Tr├╝mmerfeld – dort wurde wegen des Hochbetriebs zur Weihnachtszeit in der Nacht zu Samstag gearbeitet. Nur 40 der rund 110 Menschen in der Fabrik seien gerettet worden, sagte der Gouverneur. Wo einst die Fabrik gestanden habe, liege jetzt ein mehr als vier Meter hohes Tr├╝mmerfeld mit Metallschrott und Autowracks. „Es w├Ąre ein Wunder, w├╝rde dort jemand lebendig gefunden.“

Auf Fotos vom Samstag war zu sehen, wie Menschen bei der Bergung von Gegenst├Ąnden aus einem zerst├Ârten Haus in Mayfield halfen. Auf anderen waren Strassenz├╝ge der Kleinstadt zu erkennen – die H├Ąuser wirkten wie wegrasiert.

Beshear schwor die Menschen im Katastrophengebiet angesichts von Tiefsttemperaturen um den Gefrierpunkt und grossfl├Ąchigen Stromausf├Ąllen auf schwierige Stunden ein. „Es wird eine harte Nacht f├╝r viele Menschen in Kentucky werden“, sagte er. Dem Gouverneur drohte zwischenzeitlich die Stimme zu versagen – etwa, als er von dem Heimatort seines Vaters namens Dawson Springs erz├Ąhlte. „Einen Block von dem Haus meiner Grosseltern steht kein Haus mehr“, sagte Beshear. „Und wir wissen nicht, wo all diese Menschen sind.“

In Illinois st├╝rzte das Dach eines Verteilzentrums des Online-H├Ąndlers Amazon teilweise ein. Dort starben sechs Menschen, 45 Personen wurden nach Angaben der Feuerwehr aus den Tr├╝mmern gerettet. Amazon-Gr├╝nder Jeff Bezos ├Ąusserte sich best├╝rzt ├╝ber die „tragischen Berichte“ aus Edwardsville. „Wir sind untr├Âstlich ├╝ber den Verlust unserer Teammitglieder“, twitterte er in der Nacht zum Sonntag.

Das Sturmsystem ist die j├╝ngste einer ganzen Reihe von Naturkatastrophen in den USA. Die Vereinigten Staaten litten in diesem Jahr unter verheerenden St├╝rmen, schweren ├ťberflutungen und grossfl├Ąchigen Waldbr├Ąnden. US-Pr├Ąsident Joe Biden sieht in der H├Ąufung und Heftigkeit der Katastrophen eine Folge des Klimawandels, dessen Bek├Ąmpfung er zu einer seiner Top-Priorit├Ąten gemacht hat.

Nach den Worten des Meteorologen Marco Manitta vom Deutschen Wetterdienst (DWD) in Offenbach sind die Tornados in Kentucky im Zusammenhang mit einer langlebigen Superzelle – einer grossen Gewitterwolke – entstanden. In den USA gebe es f├╝r die Entstehung solcher Gewitterwolken gelegentlich g├╝nstige Bedingungen. Die aktuellen Tornados h├Ątten eine St├Ąrke von F4 auf der sogenannten Fujita-Skala erreicht, die die Schadensklasse angibt. Das entspreche der zweith├Âchsten Stufe. Bei solchen Tornados k├Ânnten auch feste Geb├Ąude einst├╝rzen oder stark besch├Ądigt werden, sagte Manitta.

Gerade in den USA, wo viele Geb├Ąude aus Holz gebaut seien, k├Ânnten die Zerst├Ârungen umso heftiger ausfallen. Hinzu komme, dass die Tornados ├╝ber teils dicht besiedeltes Gebiet gezogen seien. Dadurch n├Ąhmen die St├╝rme auch mehr Tr├╝mmer auf, die dann zus├Ątzliche Zerst├Ârungskraft entfalten k├Ânnen. Tornados der St├Ąrke F4 k├Ânnten ohne weiteres auch Autos durch die Luft wirbeln, sagte Manitta. Ein starker Unterdruck k├Ânne daf├╝r sorgen, dass H├Ąuser regelrecht explosionsartig zerst├Ârt werden.

Biden sagte den von den Tornados betroffenen Bundesstaaten am Samstag Hilfe zu. „Ich verspreche Ihnen, was auch immer ben├Âtigt wird, die Bundesregierung wird einen Weg finden, es zu liefern“, sagte der Pr├Ąsident bei einem kurzfristig anberaumten Auftritt in Wilmington (Delaware). Er stimmte am Samstag einer Notstandserkl├Ąrung f├╝r den Bundesstaat Kentucky zu, der am schlimmsten von den Tornados heimgesucht wurde. Damit wird Hilfe des Bundes beschleunigt. Der Gouverneur hatte zuvor bereits den Notstand in Kentucky verh├Ąngt und die Nationalgarde aktiviert.

Biden stellte auch einen Besuch im Katastrophengebiet in Kentucky in Aussicht. Er sagte aber, er wolle damit warten, bis er die Rettungsoperationen nicht behindere. Gemeinsam mit First Lady Jill Biden bete er f├╝r die Opfer und deren Angeh├Ârigen.

Auch Russlands Pr├Ąsident Wladimir Putin dr├╝ckte seine Anteilnahme aus. „Seien Sie meines aufrichtigen Mitgef├╝hls im Zusammenhang mit den tragischen Folgen des Tornados versichert, der Kentucky und eine Reihe weiterer US-Staaten verw├╝stet hat“, hiess in dem am Sonntag vom Kreml ver├Âffentlichten Telegramm an den US-Pr├Ąsidenten.

(text:sda/bild:keystone)