27 Juli 2021

Vatikan eröffnet Prozess um Millionenverluste bei Immobiliendeal

Der Vatikan hat nach dem verlustreichen Kauf einer Luxusimmobilie in London einen Prozess gegen neun M√§nner und eine Frau er√∂ffnet. Das Verfahren startete am Dienstagmorgen in einem Saal in den vatikanischen Museen. Erstmals sitzt auch ein Kardinal auf der Anklagebank. Die Beschuldigten m√ľssen sich unter anderem wegen Veruntreuung, Geldw√§sche und Betrug im Zusammenhang mit dem Immobiliendeal im Londoner Stadtteil Chelsea verantworten. Der Prozess k√∂nnte sich Beobachtern zufolge √ľber Jahre ziehen. Die n√§chste Verhandlung ist f√ľr den 5. Oktober angesetzt.

Im Mittelpunkt des Skandals steht der Kauf eines Gesch√§ftshauses in der 60 Sloane Avenue in London, wie aus einem Bericht des Medienportals „Vatican News“ hervorging. Dass der Vatikan in Immobilien investiert ist nicht ungew√∂hnlich, denn damit erwirtschaftet der Staat Einnahmen. Der Vatikan kaufte das Haus dem Bericht zufolge allerdings letzten Endes f√ľr einen unangemessen hohen Preis, weil der Wert der Immobilie wohl √ľbersch√§tzt war.

Im Zuge des Deals wurden die Vatikan-Vertreter zudem offenbar von einem italienischen Investmentbanker √ľber den Tisch gezogen, als sie in den vollen Besitz des Geb√§udes gelangen wollten. Der Banker behielt beim Kauf vertraglich Anteile mit Stimmrechten, wodurch der Vatikan quasi die Entscheidungsbefugnis f√ľr die Immobilie verlor. Der Investmentbanker verlangte laut des „Vatican News“-Berichts daraufhin 23 Millionen Euro f√ľr die R√ľckgabe seine Anteile. Nach Verhandlungen bezahlte der Vatikan schliesslich 15 Millionen Euro daf√ľr.

Rund um die zahlreichen Gesch√§fte unter anderem im Jahr 2018 sollen zudem Provisionen und Spesen geflossen sein. Insgesamt d√ľrfte der Vatikan f√ľr das Gesch√§ft einen dreistelligen Millionenbetrag ausgegeben haben. F√ľr den Kauf sollen auch Spendengelder aus dem Peterspfennig, einer j√§hrlichen Kollekte unter katholischen Gl√§ubigen weltweit, verwendet worden sein.

Ermittler kamen dem verlustreichen Gesch√§ft im Sommer 2019 auf die Schliche. Das Istituto per le Opere di Religione (IOR), auch Vatikanbank genannt, wurde bei finanziellen Aktivit√§ten misstrauisch. Die Beh√∂rden ermittelten daraufhin und es folgte eine Razzia beim Staatssekretariat. Die Akten in der Sache umfassen mittlerweile mehrere Hundert Seiten. Neben den zehn Personen erhob die Justiz auch Anklage gegen vier Firmen. Durch die Untersuchungen kam ein international weit verstricktes Netz zum Vorschein, das die Ermittler unter anderem in die Vereinigten Arabischen Emirate, Luxemburg und die Schweiz f√ľhrte.

Im Zuge des gesamten Immobiliengesch√§fts in London wurden immer mehr Personen aus vatikanischen Beh√∂rden, aber auch von ausserhalb beteiligt. Gegen Kardinal Giovanni Angelo Becciu erhob die Justiz Anklage wegen Veruntreuung und Amtsmissbrauch. Der 73-J√§hrige bestritt die Vorw√ľrfe: Er sei das Opfer einer ausgeheckten Machenschaft zu seinem Schaden, hiess es in einer Mitteilung Anfang Juli. Er soll auch eine mitangeklagte Vertraute mit Provisionen ausgestattet haben.

Nach dem Prozess am Dienstag erkl√§rte Becciu, der Papst habe gewollt, dass er zum Prozess komme, und er sei gekommen. Er vertraue darauf, dass die Richter die Fakten ordentlich begutachten und seine Unschuld anerkennen werden. Gleichzeitig sagte er, er werde eine ehemalige Beraterin im Vatikan und einen fr√ľheren Mitarbeiter im Staatssekretariat wegen falscher Anschuldigungen w√§hrend der Ermittlungen anzeigen lassen. Mit ihm sitzen ausserdem fr√ľhere Bedienstete vatikanischer Beh√∂rden sowie Finanzmanager auf der Anklagebank.

Kardinal Becciu hatte im Zuge des Skandals seine √Ąmter verloren. Zuvor war er unter anderem Substitut des m√§chtigen Staatssekretariats im Vatikan – eine zentrale Position in der Kurienverwaltung. In seine Zust√§ndigkeit fielen auch finanzielle Angelegenheiten. Das Staatssekretariat tritt in dem Prozess als Nebenkl√§ger auf. Papst Franziskus hatte nach dem Skandal die Finanzstr√∂me in Vatikan umgebaut und dem Staatssekretariat die Verwaltung von Kapital- und Immobilienwerten entzogen.

(text:sda/bild:unsplash)