29 Mai 2022

Trauer wird zu Wut: Polizeifehler bei US-Schulmassaker

Nach dem verstörenden Massaker an einer Grundschule im US-Bundesstaat Texas steht die Polizei wegen dramatischer VersĂ€umnisse schwer in der Kritik. Offiziellen Angaben zufolge waren bereits zu einem frĂŒhen Zeitpunkt 19 Polizisten im Flur vor dem Klassenraum prĂ€sent, in dem sich der AmoklĂ€ufer mit Lehrern und SchĂŒlern verschanzt hatte. Die Beamten unternahmen aber mehr als 45 Minuten lang keine Versuche, in den Raum einzudringen. Angehörige warfen der Polizei vor, sie hĂ€tten Leben retten können. US-PrĂ€sident Joe Biden wollte am Sonntag die Gemeinde Uvalde besuchen, in der Trauer zunehmend in Wut umschlĂ€gt.

Ein 18 Jahre alter SchĂŒtze hatte am Dienstag an der Grundschule in der texanischen Kleinstadt Uvalde 19 Kinder und zwei Lehrerinnen getötet. Er hatte sich mit SchĂŒlern und Lehrern in zwei miteinander verbundenen KlassenrĂ€umen eingeschlossen und dort mit einem Sturmgewehr um sich geschossen.

Was Ermittler auf Basis von Videoaufnahmen, Zeugenaussagen, Polizeikommunikation und Notrufen bislang rekonstruiert haben, ist erschĂŒtternd. Der SchĂŒtze drang demnach um kurz nach 11.30 Uhr Ortszeit in die Grundschule und in den Klassenraum ein und begann zu schiessen. Wenige Minuten spĂ€ter waren die ersten Polizisten vor dem Klassenzimmer. Es folgten weitere Beamte. Um kurz nach 12.00 Uhr Ortszeit waren 19 Polizisten im Flur vor dem Klassenraum postiert.

Um die gleiche Zeit begannen nach offiziellen Angaben SchĂŒler aus dem Inneren des Zimmers verzweifelt, den Notruf der Polizei zu wĂ€hlen. Darunter war eine SchĂŒlerin, die mehrmals hintereinander anrief. Mit flĂŒsternder Stimme berichtete sie zuerst von mehreren Toten. In einem anderen Anruf sagte sie wenig spĂ€ter, acht bis neun SchĂŒler seien noch am Leben. Noch immer kam keine Hilfe. 40 Minuten nach dem ersten Anruf flehte das MĂ€dchen, man möge bitte sofort die Polizei schicken.

Die Polizisten vor der TĂŒr warteten derweil auf VerstĂ€rkung, wie die Behörde fĂŒr öffentliche Sicherheit in Texas am Freitag offenbart hatte. Der verantwortliche Beamte sei der Meinung gewesen, dass nach den ersten SchĂŒssen keine Kinder mehr in Gefahr seien. Das sorgt nun fĂŒr Fassungslosigkeit. Erst um 12.50 Uhr drangen EinsatzkrĂ€fte in den Raum ein – mit einem SchlĂŒssel, den sie vom Hausmeister besorgt hatten – und töteten den AmoklĂ€ufer. Mehr als 75 Minuten, nachdem dieser drinnen das Feuer eröffnet hatte. In der Zwischenzeit löschte der Angreifer 21 Leben aus. 17 weitere Menschen wurden verletzt.

Eines der Kinder, das den Notruf gewĂ€hlt hatte, ist eigenen Angaben zufolge die elfjĂ€hrige Miah. Sie schilderte dem Sender CNN die schrecklichen Szenen, die sich in ihrer Klasse abspielten. Der SchĂŒtze sei in das Zimmer gekommen und habe zu einer Lehrerin „Gute Nacht“ gesagt und die Frau erschossen. Er habe dann auf die andere Lehrerin und die Kinder geschossen. Als der Angreifer in den Nachbarraum gegangen sei, habe sie mit einer Freundin das Telefon der getöteten Lehrerin holen können und den Notruf angerufen. Das MĂ€dchen habe sich schliesslich mit dem Blut eines toten Klassenkameraden beschmiert, um sich tot zu stellen, berichtete CNN. Ihr sei nicht bewusst gewesen, dass die Polizei bereits im Flur stand.

Angehörige erhoben angesichts der neuen Erkenntnisse schwere VorwĂŒrfe gegen die Polizei. „Sie hĂ€tten einige Leben retten können“, zitierte die „Washington Post“ den Grossvater einer getöteten SchĂŒlerin. „Sie hĂ€tten sie retten können“, sagte er mit Blick auf seine Enkelin. Auch der Vater eines getöteten Kindes sagte dem Sender CNN, seine Tochter könnte womöglich noch leben, hĂ€tte die Polizei anders gehandelt. Die Mutter einer anderen SchĂŒlerin klagte: „Sie haben zu lange gewartet.“

Der Demokrat Roland Gutierrez aus dem texanischen Senat beklagte ebenfalls, die Fehler bei dem Einsatz hĂ€tten möglicherweise Leben gekostet. „Am Ende hat jeder hier versagt“, sagte der Demokrat am Sonntag dem Sender CNN. Das gelte auch fĂŒr das texanische Parlament, das nicht strengere Waffengesetze durchgesetzt habe.

Der Amoklauf von Uvalde hat die Debatte ĂŒber eine VerschĂ€rfung der Waffengesetze in den USA einmal mehr angefacht. Viele Republikaner sperren sich seit Jahren gegen strengere Regularien. Auch der republikanische Ex-PrĂ€sident Donald Trump verteidigte am Freitag bei einem Auftritt vor der mĂ€chtigen Waffenlobby NRA (National Rifle Association) das vielerorts laxe Waffenrecht in den USA und forderte stattdessen mehr Waffen an Schulen. „Die Existenz des Bösen ist einer der allerbesten GrĂŒnde, gesetzestreue BĂŒrger zu bewaffnen“, sagte er. Bewaffnete Lehrer und bewaffnete SicherheitskrĂ€fte könnten schreckliche Taten wie die in Uvalde verhindern, argumentierte Trump.

Die Jahrestagung der NRA fand in Houston in Texas statt, nur drei Tage nach dem Massaker, das sich rund 450 Kilometer entfernt in der Schule in Uvalde ereignet hatte. Vor dem VeranstaltungsgelÀnde protestierten Medienberichten zufolge Tausende Menschen gegen Waffengewalt und die NRA. Die Vereinigten Staaten haben seit langem mit Waffengewalt von gewaltigem Ausmass zu kÀmpfen.

(text:sda/bild:unsplash-symbolbild)