12 Mai 2021

Todesopfer bei Raketenangriffen auf Grossraum Tel Aviv

Bei den bisher schwersten Raketenangriffen auf Israels K√ľstenmetropole Tel Aviv seit Beginn des Nahostkonflikts sind mindestens drei Menschen get√∂tet worden. Nach Angaben der Rettungsorganisation Zaka starb am Dienstagabend eine Frau in der Stadt Rischon Lezion bei einem direkten Einschlag, bei einer zweiten Angriffswelle am fr√ľhen Mittwochmorgen wurden dann in Lod bei Tel Aviv eine Frau und ein Kind get√∂tet. In Jehud, ebenfalls im Grossraum Tel Aviv, sei ein Haus direkt getroffen worden. Israels Luftwaffe reagierte nach eigenen Angaben mit dem umfangreichsten Bombardement des Gazastreifens seit dem Gaza-Krieg von 2014. Pal√§stinensische Quellen sprachen von Dutzenden Toten in dem abgeschotteten K√ľstengebiet.

Auf israelischer Seite wurden infolge der massiven Raketenangriffe von militanten Pal√§stinensern aus dem Gazastreifen nach Angaben von Sanit√§tern mehrere Menschen verletzt. Die Nachrichtenseite „Ynet“ berichtete, ein 84-J√§hriger in Tel Aviv sei auf dem Weg zu einem Schutzraum zusammengebrochen. In der bereits tags√ľber besonders schwer beschossenen K√ľstenstadt Aschkelon waren nach Angaben der israelischen Polizei bereits Stunden zuvor zwei Frauen bei Raketenangriffen get√∂tet worden.

Die islamistische Hamas erkl√§rte am Dienstagabend, 130 Raketen aus dem Gazastreifen auf Tel Aviv und Zentralisrael abgefeuert zu haben. Letztlich d√ľrften es weit mehr geworden sein, denn der gegenseitige Beschuss hielt auch in der Nacht zum Mittwoch an. Die Hamas werde keinen R√ľckzieher machen, sagte ein Sprecher der militanten Islamisten im Gazastreifen. „Wenn Israel zuschl√§gt, schl√§gt der bewaffnete Widerstand zur√ľck.“ Die israelische Armee teilte in der Nacht mit, sie habe in den vergangenen Stunden „eine Reihe wichtiger Terrorziele und Terroraktivisten im Gazastreifen getroffen“.

Nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Gaza stieg die Zahl der seit Montag getöteten Palästinenser auf 35, darunter zwölf Kinder und drei Frauen. 233 Menschen seien verletzt worden. Nach Berichten von örtlichen Medien und Augenzeugen wurden einige Kinder durch israelische Luftangriffe getötet, andere durch fehlgeleitete Raketen der Extremisten. Nach Angaben der israelischen Armee wurden mindestens 20 Mitglieder der islamistischen Hamas und des militanten Islamischen Dschihads getötet, darunter hochrangige Vertreter.

Die Armee zerst√∂rte in der Nacht zum Mittwoch zwei mehrst√∂ckige Geb√§ude im Gazastreifen. Den Angaben zufolge befanden sich darin B√ľros ranghoher Hamas-Mitglieder. Die Anwohner der Geb√§ude waren vor dem Angriff von Israels Streitkr√§ften gewarnt worden. Die Hamas hatte vor der Zerst√∂rung des ersten Geb√§udes mit einem „harten“ Raketenangriff auf Tel Aviv gedroht.

Der internationale Flughafen Ben Gurion bei Tel Aviv wurde wegen der Angriffe zeitweise f√ľr Landungen und Abfl√ľge geschlossen. Die Fl√ľge wurden nach Zypern umgeleitet. In zahlreichen Ortschaften im Grossraum Tel Aviv sowie im Umkreis des Gazastreifens sollten am Mittwoch die Schulen geschlossen bleiben.

Regierungschef Benjamin Netanjahu sagte, die militanten Pal√§stinenserorganisationen Hamas und Islamischer Dschihad w√ľrden einen hohen Preis f√ľr die j√ľngsten Angriffe auf Israel bezahlen. „Diese Operation wird Zeit brauchen, aber wir werden den B√ľrgern Israels die Sicherheit zur√ľckbringen.“ Generalstabschef Aviv Kochavi sagte, man sei fest entschlossen, den militanten Gruppierungen einen harten Schlag zu versetzen.

Bundesaussenminister Heiko Maas verurteilte die Raketenangriffe aus dem Gazastreifen auf Israel scharf. „Dass es jetzt noch eine derartige Eskalation der Gewalt gibt, ist weder zu tolerieren noch zu akzeptieren“, sagte Maas bei einem Besuch in Rom. „Israel hat in dieser Situation das Recht auf Selbstverteidigung.“

Russland und die USA riefen alle Seiten zur Zur√ľckhaltung auf. In New York zeigte sich UN-Generalsekret√§r Ant√≥nio Guterres einem Sprecher zufolge sehr besorgt und „zutiefst traurig √ľber die zunehmende Zahl von Opfern“. Angesichts der zunehmend entfesselten Gewalt in Nahost soll der UN-Sicherheitsrat am Mittwoch zum zweiten Mal binnen weniger Tage zu einer Dringlichkeitssitzung zusammenkommen.

Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern hat sich seit Beginn des muslimischen Fastenmonats Ramadan Mitte April zugespitzt. In den vergangenen Tagen hatte es zunächst vor allem in Jerusalem heftige Zusammenstösse zwischen Palästinensern und israelischen Sicherheitskräften gegeben. Auslöser waren unter anderem Polizei-Absperrungen in der Altstadt sowie drohende Zwangsräumungen von palästinensischen Familien im Viertel Scheich Dscharrah.

In der Stadt Lod bei Tel Aviv, in der Juden und Araber gemeinsam leben, kam es dann am Dienstagabend zu schweren Ausschreitungen. Nach Medienberichten sch√§ndeten arabische Einwohner eine Synagoge und setzten sie in Brand. Ausserdem seien Dutzende Autos in Brand gesetzt und Fenster von Gesch√§ften eingeworfen worden. Der B√ľrgermeister von Lod sprach im Fernsehen von einem „B√ľrgerkrieg“ in der Stadt und forderte eine sofortige Ausgangssperre. Um f√ľr Ruhe zu sorgen, wurden zahlreiche weitere Polizeitruppen in die Stadt geschickt. Auch in den arabisch gepr√§gten Orten Akko im Norden des Landes und in Jaffa bei Tel Aviv kam es zu schweren Zusammenst√∂ssen.

(text:sda/bild:sda)