17 Juli 2021

Steinmeier kommt ins NRW-Katastrophengebiet – Merkel sichert Hilfe zu

Trost vom Staatsoberhaupt, Hilfszusagen von der Kanzlerin: Bundespr├Ąsident Frank-Walter Steinmeier kommt am Samstag in den von der Flutkatastrophe besonders hart getroffenen Rhein-Erft-Kreis (Nordrhein-Westfalen), Angela Merkel plant einen baldigen Besuch in der schwer verw├╝steten Region in Rheinland-Pfalz. Bei einer Videokonferenz mit NRW-Ministerpr├Ąsident Armin Laschet (CDU) hatte sie am Freitag kurz- und langfristige Unterst├╝tzung durch den Bund f├╝r die betroffenen Menschen zugesichert.

Nach Angaben des Bundespr├Ąsidialamtes besucht Steinmeier am Mittag (12.30 Uhr) zusammen mit Laschet Erftstadt, wo in den vergangenen Tagen zahlreiche H├Ąuser und Autos weggesp├╝lt worden waren. Er will sich in der Feuerwehrleitzentrale ein Bild von der aktuellen Lage machen und mit Rettungskr├Ąften sprechen.

Unterdessen gehen die Aufr├Ąumungs- und Rettungsarbeiten in den Katastrophengebieten weiter. Bis Freitagabend war noch offen, ob es in Erftstadt Todesopfer zu beklagen gibt. „Wir gehen von mehreren Toten aus, wissen es aber nicht“, sagte der nordrhein-westf├Ąlische Innenminister Herbert Reul (CDU). Bislang gibt es nach Angaben des NRW-Innenministeriums landesweit mindestens 43 Todesopfer und viele Verletzte. „Die Lage ist sehr un├╝bersichtlich“, sagte Reul.

Nach den zerst├Ârerischen Fluten und dem Hochwasser mit mindestens 90 Toten in Rheinland-Pfalz gehen auch dort die Such- und Rettungsarbeiten weiter. Noch immer sind Tausende Rettungskr├Ąfte in der Eifel, wo in der Nacht zum Donnerstag die Wassermassen ganze Orte verw├╝stet hatten. Auch mehr als zwei Tage nach dem Ungl├╝ck werden noch Menschen vermisst.

Laut Fr├╝hwarnprognose des Landesamts f├╝r Umwelt Rheinland-Pfalz verringerte sich die Hochwassergefahr zuletzt. Nur f├╝r das Einzugsgebiet des Flusses Ahr und der Zufl├╝sse der Unteren Sauer bestanden noch Warnungen. Die Pegelst├Ąnden sanken, zum Beispiel bei dem hart von Unwetter getroffenen Kordel im Landkreis Trier-Saarburg.

Durch das Abfliessen der Wassermassen werden auch die von den Fluten angerichteten Sch├Ąden an Ahr und Mosel sichtbar. Zudem wurden mindestens 362 Menschen nach Polizeiangaben verletzt. Auch die Infrastruktur hat schweren Schaden genommen: In dem besonders stark betroffenen Landkreis Ahrweiler sind Strassen gesperrt und Br├╝cken zerst├Ârt, der Zugverkehr ist in Rheinland-Pfalz wegen der ├ťberflutungen weiterhin massiv beeintr├Ąchtigt.

Bis zum Freitagabend wurden in den beiden Bundesl├Ąndern insgesamt 106 Todesopfer gez├Ąhlt und zudem viele Menschen vermisst. Eine besonders dramatische Lage hatte sich in Erftstadt-Blessem s├╝dwestlich von K├Âln ergeben: Dort kam es zu gewaltigen Erdrutschen, es bildeten sich Krater im Erdreich, drei Wohnh├Ąuser und ein Teil der historischen Burg st├╝rzten ein.

Laschet beklagte am Freitag eine „Flut-Katastrophe von historischem Ausmass“. Es sei zu bef├╝rchten, dass die Opferzahlen weiter steigen. Seine Amtskollegin aus Rheinland-Pfalz, Malu Dreyer (SPD), nannte die Lage „weiterhin extrem angespannt in unserem Bundesland“. Sie f├╝gte in Trier hinzu: „Das Leid nimmt auch gar kein Ende.“

Gr├╝nen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock reiste nach dem Abbruch ihres Urlaubs in die Krisengebiete. Wie eine Sprecherin am Freitagabend mitteilte, will sich die Parteichefin vor Ort ├╝ber die Lage der Menschen informieren. Dabei verzichte sie bewusst auf Pressebegleitung oder ├Âffentliche Auftritte. Den Angaben zufolge traf Baerbock am Freitag in Mainz ein. Auf Twitter schrieb sie dazu: „Die Gespr├Ąche gehen unter die Haut. Nach wie vor sind nicht alle Orte erreicht, Menschen weiter abgeschnitten. Zugleich gibt es eine unglaubliche Solidarit├Ąt zu helfen, Betroffene zu Hause aufzunehmen und zu unterst├╝tzen.“ F├╝r Samstag sind weitere Termine Baerbocks in Nordrhein-Westfalen angesetzt.

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Kl├Âckner (CDU) sagte der „Neuen Osnabr├╝cker Zeitung“ (Samstag): „Wir wissen, dass solche Extremwetterereignisse zunehmen werden. Daher brauchen wir entsprechende Anstrengungen beim Klimaschutz – in Deutschland, aber auch weltweit.“ Die Akteure in Bund, Land, St├Ądten und Kreisen sowie Hilfsorganisationen seien „leistungsf├Ąhig, aber f├╝r bundesweite Krisenszenarien brauchen wir einen verl├Ąsslichen Rahmen“. Es d├╝rfe nicht so weit kommen, dass das Leben an Fl├╝ssen und K├╝sten in Deutschland nicht mehr m├Âglich sei.

Nach den Worten von Gr├╝nen-Bundestagsfraktionschef Anton Hofreiter muss Deutschland seine Massnahmen f├╝r den Klimaschutz verbessern. Er sagte dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND/Samstag): „Studien zeigen, dass Ereignisse wie die verheerenden Hitzewellen in Nordamerika oder die Flutkatastrophe in Deutschland durch die Klimakrise wahrscheinlicher und heftiger werden. Wir m├╝ssen in allen Bereichen beim Klimaschutz draufsatteln.“ Das EU-Klimapaket sei ein guter Startpunkt. „Jetzt m├╝ssen wir in Deutschland nachlegen und wirksame Klimaschutzmassnahmen ergreifen. Zugleich brauchen wir eine aktive Vorsorgepolitik, um uns an die neuen Klimarealit├Ąten anzupassen“ – also mehr und ├Âkologischeren Hochwasserschutz, Fl├Ąchenentsiegelung und hitzeangepasste St├Ądte.

(text:sda/bild:unsplash)