11 Juli 2022

Selenskyj will russische Soldaten bestrafen – Die Nacht im Überblick

Im Ort Tschassiw Jar im Gebiet Donezk sind ukrainischen Angaben zufolge 15 Menschen tot aus einem eingestĂŒrzten Wohnblock geborgen worden. PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj drohte russischen Soldaten daraufhin mit Konsequenzen. Zugleich befahl er seiner Armee, besetzte Gebiete im SĂŒden des Landes zurĂŒckzuerobern. Zivilisten wurden dort einmal mehr zur Flucht aufgerufen. Der Montag ist fĂŒr die Ukraine der 138. Tag des Krieges.

Unterdessen geht der Streit um eine in Kanada feststeckende Turbine fĂŒr die Gas-Pipeline Nord Stream 1 in eine neue Runde. Russland hatte zuletzt die deutlich reduzierten Gaslieferungen nach Deutschland mit dem fehlenden Teil begrĂŒndet. Die Ukraine zeigte sich „zutiefst enttĂ€uscht“ ĂŒber die Entscheidung der kanadischen Regierung, die Turbine nach dem Abschluss von Wartungsarbeiten nun doch ausliefern zu wollen – und damit eine Ausnahme bei den Sanktionen gegen Russland zu machen.

Selenskyj droht „russischen Mördern“ mit Strafe

„Die Bestrafung ist fĂŒr jeden russischen Mörder unvermeidlich“, sagte Selenskyj nach dem Raketenbeschuss in Tschassiw Jar. Der Angriff auf das Wohngebiet habe einmal mehr gezeigt, dass Russlands Truppen vorsĂ€tzlich auch in Wohngebieten töteten. „Nach solchen Angriffen werden sie nicht sagen können, dass sie etwas nicht gewusst oder nicht verstanden haben“, sagte der ukrainische Staatschef in seiner Videoansprache in der Nacht zum Montag.

Neben den 15 Toten wurden bis zum spĂ€ten Sonntagabend auch sechs Verletzte aus dem Wohnhaus in dem Ort im Donezker Gebiet geborgen, wie der stellvertretende Leiter des PrĂ€sidentenbĂŒros, Kyrylo Tymoschenko, mitteilte. Noch immer wĂŒrden 23 Menschen vermisst.

Kiew ruft Zivilisten in besetzten Gebieten im SĂŒden zur Flucht auf

Die ukrainische FĂŒhrung hat Zivilisten im besetzten SĂŒden des Landes wegen geplanter Armee-Offensiven zur Flucht aufgerufen. Einwohner der Gebiete Cherson und Saporischschja sollten dringend ihre HĂ€user verlassen – notfalls auch in Richtung der bereits seit 2014 von Russland annektieren Schwarzmeer-Halbinsel Krim, sagte Vize-Regierungschefin Irina Wereschtschuk. Verteidigungsminister Olexij Resnikow sagte der britischen „Sunday Times“, Selenskyj habe dem MilitĂ€r befohlen, mithilfe westlicher Waffen besetztes Gebiet im SĂŒden zurĂŒckzugewinnen. Insbesondere die KĂŒstengebiete seien fĂŒr die ukrainische Wirtschaft von grosser Bedeutung.

Ukraine kritisiert Kanada fĂŒr Sanktionsausnahme bei Gasturbine

Die Ukraine hat gegen die geplante Lieferung der gewarteten russischen Nord-Stream-1-Turbine von Kanada nach Deutschland protestiert. Man sei „zutiefst enttĂ€uscht“ ĂŒber die Entscheidung der kanadischen Regierung, in diesem Fall eine Ausnahme von den gegen Russland verhĂ€ngten Sanktionen zu machen, hiess es in einer ErklĂ€rung von Aussen- und Energieministerium in Kiew. „Wir fordern die kanadische Regierung auf, diese Entscheidung zu ĂŒberdenken und die IntegritĂ€t des Sanktionssystems sicherzustellen.“

Der russische Energiekonzern Gazprom hatte Mitte Juni seine Gaslieferungen nach Deutschland durch die Ostseepipeline Nord Stream 1 reduziert. BegrĂŒndet wird das in Moskau mit der fehlenden Turbine, die nach Wartungsarbeiten sanktionsbedingt nicht aus Kanada zurĂŒckgeliefert werden kann. Nun will Kanada die Turbine erst nach Deutschland schicken lassen, statt direkt nach Russland.

Kubicki: Schröder verdreht bei Ukraine-Krieg die Tatsachen

FDP-Vize Wolfgang Kubicki zeigte sich irritiert ĂŒber Äusserungen von Altkanzler Gerhard Schröder (SPD) ĂŒber dessen Kontakt zu Kremlchef Wladimir Putin. „GrundsĂ€tzlich ist es natĂŒrlich immer besser, auch mit den FĂŒhrungsspitzen von autoritĂ€ren Staaten im GesprĂ€ch zu bleiben, und niemand kann dies dem Ex-Kanzler verwehren“, sagte Kubicki den Zeitungen der Funke Mediengruppe (Montag). „Wer aber meint, Deutschland hĂ€tte eine diplomatische Bringschuld, um den Krieg in der Ukraine zu beenden, verdreht die Tatsachen.“ Schröder hatte zuvor der „FAZ“ gesagt, er wolle trotz des russischen Angriffskriegs seine „GesprĂ€chsmöglichkeiten mit PrĂ€sident Putin“ nicht aufgeben. Er glaube nicht an eine militĂ€rische Lösung. „Der Krieg ist nur durch diplomatische Verhandlungen zu beenden.“

Internetseite der „Welt“ in Russland blockiert

Russlands Behörden haben die Homepage der Tageszeitung „Welt“ blockiert. Auf Gesuch der Generalstaatsanwaltschaft ist die Seite seit Samstag aus dem russischen Internet heraus nicht mehr erreichbar, wie aus einem Register der Medienaufsicht Roskomnadsor hervorgeht. Die „Welt“ hatte nach Russlands Einmarsch begonnen, unter dem Titel „Krieg in der Ukraine“ Nachrichten auch auf Russisch zu veröffentlichen. Zudem beschĂ€ftigte das Blatt zwischenzeitlich die russische Journalistin Marina Owsjannikowa, die Mitte MĂ€rz mit einer Protestaktion in Russlands Staatsfernsehen bekannt geworden war. Seit Kriegsbeginn gehen die russischen Behörden verstĂ€rkt gegen auslĂ€ndische und vor allem gegen kritische russische Medien vor.

Coldplay holt ukrainischen Kinderchor auf die BĂŒhne

Die britische Band Coldplay hat bei einem Konzert im Berliner Olympiastadion einen ukrainischen Kinderchor mit auf die BĂŒhne geholt. Gemeinsam mit SĂ€nger Chris Martin (45) sangen die Jungen und MĂ€dchen am Sonntagabend „Something Just Like This“. Martin lobte die Deutschen dafĂŒr, dass sie die Ukrainer unterstĂŒtzen.

Das wird am Montag wichtig

FĂŒr voraussichtlich zehn Tage wird die zuletzt wichtigste Gas-Pipeline Nord Stream 1 von Russland nach Deutschland abgeschaltet. Nach Abschluss der Wartungsarbeiten soll sie laut Betreibergesellschaft am frĂŒhen Morgen des 21. Juli wieder geöffnet werden. Die grosse Sorge in der Bundesregierung und bei der Bundesnetzagentur ist jedoch, dass Russland nach Abschluss der Arbeiten den Gashahn nicht wieder aufdreht.

Zudem beginnt Verteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) eine Besuchsreihe zahlreicher Dienststellen der Bundeswehr. Vor dem Hintergrund der Bedrohungslage an der Nato-Ostflanke will sie sich dabei unter anderem ein Bild von der Einsatzbereitschaft der StÀbe, Einheiten und VerbÀnde machen.

(text:sda/bild:unsplash)