30 Mai 2022

Selenskyj: Russland hat keine Zukunft

Der ukrainische PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj hat Russland einen Vernichtungskrieg vorgeworfen. Nach einem Frontbesuch sprach er von schweren SchĂ€den in der Stadt Charkiw und berichtete von Zerstörungen im Donbass. Selenskyj hatte angekĂŒndigt, darĂŒber auch per Zuschaltung bei einem an diesem Montag beginnenden EU-Gipfel in BrĂŒssel zu sprechen. Der Montag ist der 96. Kriegstag. Russland hatte das Nachbarland Ukraine am 24. Februar angegriffen.

Selenskyj: Russland hat seine Zukunft verloren

Nach einem unangekĂŒndigten Besuch in der umkĂ€mpften Region Charkiw im Osten des Landes zeigte sich Selenskyj erschĂŒttert. „Schwarze, ausgebrannte, halb zerstörte WohnhĂ€user blicken mit ihren Fenstern nach Osten und Norden – dorthin, von wo die russische Artillerie schoss“, sagte er in einer Videobotschaft. Russland habe nicht nur die Schlacht um Charkiw, sondern auch um Kiew und den Norden der Ukraine verloren. „Es hat seine eigene Zukunft und jede kulturelle Bindung zur freien Welt verloren. Sie sind alle verbrannt.“

Die Reise nach Charkiw war der erste bekannte Besuch Selenskyjs im Frontgebiet seit Beginn des russischen Angriffskrieges. Bei dem Besuch habe er den örtlichen Chef des Inlandsgeheimdienstes SBU entlassen, teilte Selenskyj mit: „Weil er seit den ersten Tagen des Krieges nicht fĂŒr den Schutz der Stadt gearbeitet hat, sondern nur an sich gedacht hat.“ Der Fall sei der Justiz ĂŒbergeben worden.

Selenskyj wirft Moskau weitgehende Zerstörung von Sjewjerodonezk vor

Selenskyj warf Russland auch die weitgehende Zerstörung der Grossstadt Sjewjerodonezk im Donbass vor. Die gesamte Infrastruktur sei vernichtet, sagte er in der Videobotschaft. „90 Prozent der HĂ€user sind beschĂ€digt. Mehr als zwei Drittel des Wohnbestands der Stadt sind komplett zerstört.“ StĂ€ndig werde die Stadt angegriffen. Moskau wolle seine Fahne auf dem VerwaltungsgebĂ€ude von Sjewjerodonezk hissen, das am dortigen Boulevard der Völkerfreundschaft stehe, sagte Selenskyj. „Wie bitter dieser Name jetzt klingt.“ Seit Monaten ist Sjewjerodonezk Ziel von Angriffen. Die Stadt gilt als letzter Punkt, den das ukrainische MilitĂ€r in der Region Luhansk noch kontrolliert.

Lawrow: Donbass hat „bedingungslose PrioritĂ€t“ fĂŒr Russland

Der russische Aussenminister Sergej Lawrow bezeichnete die Einnahme des Donbass unterdessen als „bedingungslose PrioritĂ€t“. Es gehe darum, die ukrainische Armee und Bataillone aus den von Moskau als unabhĂ€ngige Staaten anerkannten Gebieten Donezk und Luhansk zu drĂ€ngen, sagte Lawrow dem russischen Aussenamt zufolge in einem Interview mit dem französischen Sender TF1. Das Ministerium veröffentlichte die Antworten am Sonntag auf der Internetseite.

Lawrow sprach in dem Interview erneut von einer angeblichen „Befreiung“ des Donbass vom „Kiewer Regime“. Er Ă€usserte sich auch auf eine Frage zur Gesundheit Putins. Der PrĂ€sident erscheine tĂ€glich in der Öffentlichkeit, sagte der Aussenminister. „Sie können ihn auf den Bildschirmen beobachten, seine Auftritte lesen und hören. Ich glaube nicht, dass vernĂŒnftige Leute in diesem Menschen Anzeichen einer Krankheit oder eines Unwohlseins sehen können.“

Berichte ĂŒber Tote und Verletzte bei russischen Angriffen

Bei Angriffen auf ukrainische Orte wurden den Behörden zufolge mehrere Zivilisten getötet oder verwundet. Der Gouverneur des Gebiets Donezk, Pawlo Kirilenko, machte Russland fĂŒr drei Tote und vier Verletzte in dem von Regierungstruppen kontrollierten Teil der Region im Osten des Landes verantwortlich. In Mykolajiw im SĂŒden des Landes sprachen die Behörden von mindestens einem Toten bei einem Angriff auf ein Wohnviertel. Russland bestreitet, zivile Ziele anzugreifen.

Die ukrainische Armee habe 14 russische Attacken im Donbass abgewehrt, teilte der Generalstab in Kiew mit. Dabei seien mehr als 60 russische Soldaten getötet sowie Panzer und Artillerie zerstört worden, hiess es. Die Angaben sind nicht unabhĂ€ngig zu prĂŒfen.

Gauck fĂŒr UnterstĂŒtzung der Ukraine mit Waffen

Der ehemalige BundesprĂ€sident Joachim Gauck ist nach eigener Aussage der Meinung, dass Waffenlieferungen an die Ukraine fĂŒr deren Freiheitskampf gegen die russischen Angreifer wichtig sind. „Ohne die Waffen der Alliierten im Weltkrieg hĂ€tte es ein Europa unter Nazi-Herrschaft gegeben“, sagte Gauck im Interview der „Bild“ (Montag). Die Ukraine mĂŒsse sagen dĂŒrfen, was sie brauche, um Russland entgegenzutreten. Dennoch mĂŒsse die Politik auch weiter mit Russlands PrĂ€sident Putin im GesprĂ€ch bleiben. „Verantwortliche Politik muss auch mit Diktatoren reden“, so Gauck. „Wir dĂŒrfen niemals auf Diplomatie verzichten.“

Eurovision-Sieger versteigern TrophÀe zugunsten der Ukraine

Die ukrainischen Sieger des Eurovision Song Contest versteigerten nach eigenen Angaben ihre TrophĂ€e des Wettbewerbs zugunsten der Armee ihres Heimatlandes. „Einen besonderen Dank an das Team Whitebit, das die TrophĂ€e fĂŒr 900 000 US-Dollar gekauft hat und jetzt rechtmĂ€ssiger Besitzer unserer TrophĂ€e ist“, teilte die Band Kalush Orchestra am Sonntagabend mit. Whitebit ist ein ukrainisches Unternehmen, das eine Kryptobörse betreibt, also eine Online-Handelsplattform, auf der sich KryptowĂ€hrungen kaufen, verkaufen und tauschen lassen. Seit 2008 bekommen die Sieger eine glĂ€serne Mikrofon-TrophĂ€e ĂŒberreicht. Kalush Orchestra hatte Mitte Mai mit dem Lied „Stefania“ den 66. ESC in Turin gewonnen.

(text:sda/bild:sda)