8 Juni 2022

Sch├╝lerin berichtet vor US-Kongress von Massaker in ihrem Klassenraum

Bei einer bewegenden Anh├Ârung im US-Kongress hat eine Sch├╝lerin von ihren traumatischen Erlebnissen bei dem Massaker an ihrer Grundschule in Texas berichtet. Bei der Sitzung am Mittwoch erz├Ąhlte die elfj├Ąhrige Miah Cerrillo in einem zuvor aufgezeichneten Video, wie der Sch├╝tze ihre Lehrerin und mehrere Mitsch├╝ler vor ihren Augen erschoss. Auch mehrere Eltern von Opfern der j├╝ngsten Massenshootings im texanischen Uvalde und in Buffalo im Bundesstaat New York berichteten teils unter Tr├Ąnen von ihren Erfahrungen und flehten die Kongressabgeordneten an, etwas gegen die beispiellose Waffengewalt im Land zu unternehmen.

Ein 18 Jahre alter Sch├╝tze hatte vor zwei Wochen an einer Grundschule in der texanischen Kleinstadt Uvalde 19 Kinder und zwei Lehrerinnen erschossen. Der Angreifer verschanzte sich mit den Sch├╝lern und Lehrerinnen in zwei miteinander verbundenen Klassenr├Ąumen und richtete dort das Blutbad an.

Miah ├╝berlebte die Attacke. Mehr als 75 Minuten lang musste das M├Ądchen um sein Leben bangen – so viel Zeit verging an jenem Tag zwischen dem Moment, in dem der Sch├╝tze das Feuer er├Âffnete, und jenem Moment, in dem die Polizei in den Raum eindrang und den Angreifer t├Âtete. Schwere Vers├Ąumnisse der Polizei bei dem Einsatz haben Emp├Ârung und Wut ausgel├Âst und werden derzeit noch untersucht. Miah und andere hatten aus dem Inneren des Raumes diverse Notrufe bei der Polizei abgesetzt, ohne dass ihnen geholfen wurde.

Die Elfj├Ąhrige berichtete in der Videoaufzeichnung, sie habe sich aus Angst vor dem Sch├╝tzen mit dem Blut anderer beschmiert und ruhig gestellt. Mit dem Handy ihrer get├Âteten Lehrerin habe sie die Polizei gerufen und um Hilfe gebeten. Auf die Frage, was sie sich w├╝nsche, sagte Miah: “Sicherheit”. Sie f├╝hle sich nicht sicher in ihrer Schule. “Ich will nicht, dass es wieder passiert”, sagte sie. Auf die Frage, ob sie dies bef├╝rchte, antwortete sie mit einem Nicken.

Ihr Vater Miguel Cerrillo sagte bei der Anh├Ârung im Repr├Ąsentantenhaus unter Tr├Ąnen, er habe sein Kind fast verloren. “Sie ist nicht mehr die Gleiche.” Er flehte die Kongressabgeordneten an, gegen die verheerende Waffengewalt im Land vorzugehen: “Es muss sich wirklich etwas ├Ąndern.”

Auch die Eltern eines kleinen M├Ądchens, das bei dem Schulmassaker get├Âtet wurde sagten per Video bei der Kongressanh├Ârung aus. Die Mutter, Kimberly Rubio, berichtete unter Tr├Ąnen, wie sie ihre Tochter Lexi an jenem Tag zum letzten Mal gesehen und an der Schule zur├╝ckgelassen habe. “Diese Entscheidung wird mich mein Leben lang verfolgen.” Sie forderte verzweifelt nach einer Versch├Ąrfung des Waffenrechts. “Wir verstehen, dass aus irgendeinem Grund f├╝r manche Leute, f├╝r Leute mit Geld, f├╝r Leute, die politische Kampagnen finanzieren, Waffen wichtiger sind als Kinder”, beklagte sie, betonte aber: “Irgendwo da draussen gibt es eine Mutter, die sich unsere Aussage anh├Ârt und denkt: ‘Ich kann mir ihren Schmerz nicht einmal vorstellen’ – nicht wissend, dass unsere Realit├Ąt eines Tages die ihre sein wird, wenn wir nicht jetzt handeln.”

Die Attacke von Uvalde hat die Debatte ├╝ber eine Versch├Ąrfung der vielerorts laxen Waffengesetze in den USA einmal mehr angefacht. Viele Republikaner sperren sich seit Jahren gegen strengere Gesetze. Daher kommen keine n├Âtigen Mehrheiten f├╝r echte Reformen zustande.

Wenige Tage vor der Attacke in Uvalde hatte ein Sch├╝tze in der Stadt Buffalo in einem Supermarkt das Feuer er├Âffnet, zehn Menschen erschossen und drei weitere verletzt. Den Ermittlern zufolge war die Tat rassistisch motiviert – 11 der 13 Opfer waren schwarz.

Die Mutter eines der Verletzten von Buffallo, Zeneta Everhart, berichtete, ihr 21 Jahre alter Sohn habe “ein Loch in der rechten Seite seines Halses, in seinem R├╝cken und ein weiteres in seinem linken Bein” – alle verursacht durch ein explodierendes Geschoss aus dem Sturmgewehr des Sch├╝tzen. Immer wenn sie Wunden ihres Sohnes versorge, k├Ânne sie Teile des Geschosses in seinem R├╝cken sp├╝ren. Die Splitter blieben f├╝r den Rest seines Lebens in seinem K├Ârper. An die Kongressabgeordneten gewandt sagte sie: “Jetzt m├Âchte ich, dass Sie sich genau dieses Szenario f├╝r eines Ihrer Kinder vorstellen.”

Everhart zeichnete ein d├╝steres Bild ihrer Heimat. “Amerika ist von Natur aus gewaltt├Ątig”, sagte die Schwarze. “Die blosse Existenz dieses Landes wurde auf Gewalt, Hass und Rassismus gegr├╝ndet.” Doch sie h├Âre nach jedem Massenshooting, dies sei nicht das, wof├╝r dieses Land stehe. “H├Ârt mir gut zu: Das ist genau das, was wir sind.”

(text:sda/bild:unsplash)