20 Mai 2021

Russland √ľbernimmt Vorsitz im Arktischen Rat

Mitten im Ringen um mehr Einfluss in der Arktis steht Russland vor der √úbernahme des Vorsitzes im Arktischen Rat. Nach zwei Jahren an der Spitze des wichtigen Forums gibt Island den Ratsvorsitz am Donnerstag bei einem Ministertreffen in Reykjavik an Russland ab – und damit an ein Land, das aus seinen Besitzanspr√ľchen √ľber das Gebiet l√§ngst kein Geheimnis mehr macht.

„Es ist schon lange bekannt, dass dies unser Territorium, unser Boden ist“, hatte Aussenminister Sergej Lawrow Anfang der Woche in Moskau gesagt. Dabei war er auch auf die verst√§rkte milit√§rische Pr√§senz seines Landes in der Region eingegangen. „Wir sind daf√ľr verantwortlich, dass unsere arktische K√ľste sicher ist“, sagte er. Alles, was Russland in der Arktis tue, sei legitim.

Andere sehen das nicht so. US-Aussenminister Antony Blinken hatte am Dienstag in Reykjavik gesagt, man sei wegen der zunehmenden milit√§rischen Aktivit√§ten in der Region besorgt. Diese erh√∂hten das Risiko, dass es zu Unf√§llen und Missverst√§ndnissen kommen k√∂nnte. Eine Militarisierung der Arktis m√ľsse verhindert werden.

Die Grossm√§chte USA, Russland und auch China haben seit l√§ngerem ein Auge auf die Region im hohen Norden geworfen – das hatte im Sommer 2019 nicht zuletzt das Angebot des damaligen US-Pr√§sidenten Donald Trump untermauert, das zum d√§nischen K√∂nigreich z√§hlende Gr√∂nland kaufen zu wollen. Grund f√ľr das Interesse sind vor allem kostbare Ressourcen in der Region sowie Schifffahrtsrouten, die im Zuge des Klimawandels l√§ngere Zeit eisfrei und somit l√§nger passierbar werden. Russland erhebt Anspruch auf 1,2 Millionen Quadratkilometer – insbesondere auf die dort lagernden Rohstoffe wie √Ėl und Gas.

Die russische Armee hatte zuletzt den Flugplatz ihrer n√∂rdlichsten Milit√§rbasis Nagurskaja so umgebaut, dass dort selbst Langstreckenbomber landen k√∂nnen. Immer wieder berichtet das Verteidigungsministerium in Moskau von Man√∂vern hoch oben im Norden. K√ľrzlich tauchten drei atomar betriebene U-Boote zeitgleich im meterdickem Eis auf. Der Oberbefehlshaber der Nordflotte, Admiral Alexander Moissejew, warf der Nato zuletzt vor, sie sei in der Arktis so stark pr√§sent wie noch nie.

Die steigenden Temperaturen halten die Arktis immer l√§nger eisfrei. Das bedeutet nicht nur einen leichteren Zugang zu Ressourcen. Moskau hofft auch, dass sich die n√∂rdliche Schifffahrtsroute als Alternative zum Suezkanal etablieren k√∂nnte, was wiederum mehr Kontrolle bedeuten w√ľrde. Bislang m√ľssen noch Eisbrecher entlang der arktischen K√ľste Russlands eingesetzt werden.

Der Arktische Rat ist das wichtigste Forum zur Zusammenarbeit in der Region rund um den Nordpol. Im Fokus stehen dabei insbesondere der Umweltschutz und eine nachhaltige Entwicklung. Der Rat wurde 1996 gegr√ľndet und feiert damit in diesem Jahr sein 25. Jubil√§um. Ihm geh√∂ren neben Russland und Island noch die USA, D√§nemark, Finnland, Kanada, Norwegen und Schweden an.

Bei dem Ministertreffen in Reykjaviks Konzerthaus Harpa wird Island den symbolischen Staffelstab am Vormittag an Russland weiterreichen und zugleich ein Fazit zu den Fortschritten der vergangenen beiden Jahre ziehen. Es soll auch wieder eine gemeinsame Abschlusserkl√§rung geben – die war beim letzten Treffen 2019 im finnischen Rovaniemi wegen einer Verweigerung der Trump-Regierung erstmals nicht zustande gekommen. Grund daf√ľr war, dass in der Erkl√§rung vor den Folgen des Klimawandels auf die Arktis gewarnt werden sollte.

Solche Probleme mit Washington d√ľrfte es diesmal nicht geben: Die neue US-Regierung unter Pr√§sident Joe Biden ist um deutlich mehr internationale Kooperation und auch um einen entschlossenen Kampf gegen die Klimakrise bem√ľht. Auch Russland will sich w√§hrend seines zweij√§hrigen Ratsvorsitzes wie schon Vorg√§nger Island mit den Folgen des Klimawandels auseinandersetzen. Dabei gehe es auch um den Schutz der Bev√∂lkerung, insbesondere der indigenen V√∂lker, heisst es in einem Strategiepapier.

(text:sda/bild:unsplash)