27 Juni 2021

Pride Parade in Istanbul – Polizei geht mit Tränengas gegen Demo vor

Trotz Demonstrationsverbots und massiver Polizeipräsenz haben sich in Istanbul Hunderte Menschen zur Pride-Parade versammelt. Die Polizei setzte Tränengas gegen Demonstrierende ein, die am Samstag durch das europäische Zentrum der Stadt liefen, wie eine dpa-Reporterin berichtete. Auch Plastikgeschosse wurden Berichten zufolge in die Menge gefeuert. Mehrere Menschen wurden nach Angaben der Veranstaltenden festgenommen. Unter dem Motto „Die Strasse gehört uns“ hatten verschiedene ZusammenschlĂĽsse zu der Parade aufgerufen. Die Protestierenden kritisierten unter anderem ein zunehmend LGBTQI+-feindliches Klima im Land.

LGBTQI+ steht für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans-, Inter- und queere Menschen und das Pluszeichen als Platzhalter für weitere Identitäten.

Unter den Festgenommenen am Samstag war auch ein Fotograf der Nachrichtenagentur AFP. Aufnahmen zeigen, wie Polizisten den Fotojournalisten Bülent Kilic mit dem Gesicht nach unten auf den Boden drückten und sich auf ihn knieten. Polizisten stellten sich mit Schildern um die Szene, um den Blick zu versperren. Kilic, der inzwischen wieder frei ist, kündigte auf Twitter an, vor Gericht zu ziehen. Diejenigen, die versucht hätten, ihm den Atem zu rauben, müssten sich dafür verantworten. Die Organisation Reporter ohne Grenzen verurteilte das Vorgehen gegen den Fotografen scharf.

Bereits am Vortag der Pride-Parade waren rund um den Veranstaltungsort Absperrgitter aufgestellt worden. Die Demonstration wurde wenige Stunden vor dem geplanten Beginn von dem von Ankara eingesetzten Landrat untersagt. Die Anordnung erging unter Berufung auf das Demonstrationsgesetz. Sie wurde unter anderem damit begrĂĽndet, dass es mögliche Verstösse gegen die „Moral“ geben könnte und man möglichen Straftaten vorbeugen wolle. Milena BĂĽyĂĽm von Amnesty International bezeichnete das Verbot auf Twitter als rechtswidrig und warf der Polizei „exzessive“ Gewaltanwendung vor.

Die Pride-Parade in der tĂĽrkischen Millionenmetropole konnte mehr als zehn Jahre lang bei stetig wachsenden Teilnehmerzahlen unbehelligt stattfinden. 2015 wurde sie, damals mit Verweis auf den fĂĽr Muslime heiligen Fastenmonat Ramadan, zum ersten Mal verboten.

„In der TĂĽrkei sind wir seit 2015 mit einem radikalen Wandel der Regierungspolitik gegenĂĽber LGBTQI+ Menschen konfrontiert. Der Staat hat den LGBTQI+-Menschen sozusagen den Krieg erklärt“, sagte Yildiz Tar von der Organisation Kaos GL der Deutschen Presse-Agentur. Die Regierung ĂĽbe eine Politik aus, die darauf abziele, die Feindschaft gegenĂĽber LGBTQI+ im „gesamten Volk zu verbreiten“. Hassverbrechen wĂĽrden nicht bestraft und nähmen stetig zu. Der tĂĽrkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat LGBTQI+ in der Vergangenheit immer wieder verbal angegriffen.

Zu Beginn der Woche war in Istanbul zudem ein Picknick anlässlich der sogenannten Pride-Week untersagt worden. Mehreren Berichten zufolge beschlagnahmte die Polizei Utensilien in Regenbogenfarben. Im vergangenen Jahr hatte das Handelsministerium angeordnet, Produkte mit Regenbogenfahnen und anderen Symbole für sexuelle und Gender-Vielfalt als ungeeignet für Menschen unter 18 Jahren zu kennzeichnen.

(text:sda/bild:unsplash)