19 Februar 2022

Orkantief „Zeynep“ wĂŒtet in Deutschland

Orkantief „Zeynep“ hat zum Start ins Wochenende in Deutschland fĂŒr Sturmfluten, StrassenunfĂ€lle und AusfĂ€lle im Bahnverkehr gesorgt. Mindestens drei Menschen starben wegen des Sturms. Die Feuerwehren zĂ€hlten Tausende EinsĂ€tze, meist wegen umgestĂŒrzter BĂ€ume, umherfliegender GegenstĂ€nde oder beschĂ€digter GebĂ€ude – allein in Nordrhein-Westfalen rĂŒckten sie bis Samstagmittag zu ĂŒber 12 000 EinsĂ€tzen aus.

Nach einer ersten SchĂ€tzung verursachte „Zeynep“ versicherte SchĂ€den von ĂŒber 900 Millionen Euro. Der Sturm sei der intensivste seit „Kyrill“ im Jahr 2007 gewesen, teilte die auf Versicherungsmathematik spezialisierte Unternehmensberatung Meyerthole Siems Kohlruss (MSK) mit. Die versicherten SchĂ€den des vorangegangenen Sturms „Ylenia“ hatte das Unternehmen auf 500 Millionen Euro geschĂ€tzt. Die GesamtschĂ€den sind bei StĂŒrmen in aller Regel höher, zum Teil ganz erheblich.

Zu den mindestens drei Sturmtoten zĂ€hlte ein 17-JĂ€hriger, der in Hopsten (NRW) als Beifahrer starb. Der Fahrer des Wagens war nach Polizei-Angaben möglicherweise einem Ast ausgewichen und dadurch von der Fahrbahn abgekommen. Das NRW-Innenministerium zĂ€hlt ihn daher nach vorlĂ€ufigen Erkenntnissen als Sturmtoten. Ein 56 Jahre alter Autofahrer starb nach Angaben der Polizei bei Altenberge in NRW, als er mit dem Auto gegen einen quer auf der Fahrbahn liegenden Baum prallte. In der niedersĂ€chsischen Gemeinde Wurster NordseekĂŒste verunglĂŒckte ein Mann tödlich, als er wĂ€hrend des Sturms das beschĂ€digte Dach eines Stalls reparieren wollte. Der 68-JĂ€hrige brach nach Polizeiangaben durch das Dach und stĂŒrzte rund zehn Meter in die Tiefe.

Wegen des Sturms war der Zugverkehr am Freitag teilweise eingestellt worden, die AusfĂ€lle hielten am Samstag zunĂ€chst vielfach an. „Aufgrund von UnwetterschĂ€den kommt es im Norden Deutschlands und in Nordrhein-Westfalen bis mindestens Montagnachmittag zu VerspĂ€tungen und ZugausfĂ€llen“ teilte die Deutsche Bahn am Nachmittag mit und forderte dazu auf, Reisen von und nach Hamburg und Bremen zu vermeiden. Demnach sollten am Samstag bis mindestens 18 Uhr keine FernverkehrszĂŒge nördlich von Dortmund, Hannover und Berlin fahren. Bis dahin sollten auch ICE-ZĂŒge auf der Strecke Köln – Hannover – Berlin ausfallen, genau wie ICE-ZĂŒge zwischen Kassel-Wilhelmshöhe und Berlin.

Am Samstag schwĂ€chte der Wind etwas ab, vor allem im Norden gab es aber noch Sturmböen. Am Sonntag gibt es tagsĂŒber laut Deutschem Wetterdienst (DWD) im Flachland zunĂ€chst eher starke bis stĂŒrmische Böen. „Richtig turbulent und mitunter auch gefĂ€hrlich könnte es dann in der Nacht zum Montag werden“, sagte Adrian Leyser von der Wettervorhersagezentrale des DWD zum nahenden Sturmtief „Antonia“. Schwere Sturmböen oder orkanartige Böen seien nicht ausgeschlossen. „Die ohnehin durch die vorangegangenen StĂŒrme in Mitleidenschaft gezogenen und in teilweise stark aufgeweichten Böden stehenden BĂ€ume können dabei leicht umstĂŒrzen“, sagte Leyser. Erst ab Dienstag soll sich das Wetter beruhigen.

„Zeynep“ hatte Deutschland ab Freitagnachmittag mit Windgeschwindigkeiten von örtlich mehr als 160 Stundenkilometern ĂŒberquert. Der höchste Wert wurde in der Nacht zum Samstag mit rund 162 Kilometern pro Stunde am Nordsee-Leuchtturm „Alte Weser“ gemessen, wie der DWD mitteilte. Am Vormittag hob der DWD alle Unwetterwarnungen vor Orkanböen auf.

In Hamburg hatte es am Samstagmorgen erstmals seit 2013 wieder eine sehr schwere Sturmflut mit mehr als 3,5 Metern ĂŒber dem mittleren Hochwasser gegeben. Die Elbe erreichte gegen 5.30 Uhr am Pegel St. Pauli nach Angaben des Bundesamts fĂŒr Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) 3,75 Meter ĂŒber dem mittleren Hochwasser. Feuerwehrleute retteten in der Speicherstadt mit einem Schlauchboot zwei MĂ€nner, die mit ihrem Auto vom Wasser eingeschlossen waren. Laut Polizei waren die MĂ€nner stark unterkĂŒhlt. Nachdem das Wasser vormittags sank, sollte das Abendhochwasser eine weitere Sturmflut bringen.

In Bremen stĂŒrzte ein 55 Meter grosser Baukran in ein im Rohbau befindliches BĂŒrogebĂ€ude. „Es sieht verheerend aus“, sagte ein Feuerwehrsprecher. Auch ein vorbeifahrender Laster sei in der Nacht auf Samstag von dem Kran erwischt worden. Der Fahrer sei unverletzt geblieben. In Hamburg stĂŒrzten bei einem viergeschossigen Wohnhaus Teile der Fassade ein. In Bad Zwischenahn (Niedersachsen) kippte eine rund neun Meter hohe Fichte um und fiel auf ein KlinikgebĂ€ude. 17 dort untergebrachte Patienten wurden laut Feuerwehr in Sicherheit gebracht. Verletzt wurde den Angaben zu Folge niemand.

In Gronau bei Hildesheim (Niedersachsen) wehte der Sturm eine rund 80 Kilogramm schwere Kupferplatte von einem Kirchturm. Sie sei etwa 80 Meter weiter in ein Haus eingeschlagen, sagte ein Sprecher der Feuerwehr. Einige Kilometer entfernt, auf der Autobahn 7 bei Hildesheim, fiel nach Angaben der Polizei am Freitagabend eine Verkehrstafel wegen des Sturmes auf die Fahrbahn. Ein Sattelzugfahrer habe nicht mehr ausweichen können und sei ĂŒber die Hindernisse gefahren. Dabei riss der Tank auf und 400 Liter Diesel-Kraftstoff ergossen sich ĂŒber die Fahrbahn. In ThĂŒringen warf „Zeynep“ die nach lokalen Angaben höchstgelegene BockwindmĂŒhle Deutschlands (438 Meter ĂŒber dem Meeresspiegel) um.

In den HĂ€fen in Emden und Wilhelmshaven mussten mehrere Schlepper die grösseren Schiffe sichern, sagte ein Sprecher der Wasserschutzpolizei. Die FehmarnsundbrĂŒcke, die die Insel Fehmarn in der Ostsee mit dem Festland verbindet, wurde gesperrt. Zuvor waren in der Nacht zwei Laster umgekippt. Ein Fahrer wurde dabei verletzt. In Nordrhein-Westfalen wurde die RheinbrĂŒcke Emmerich bis auf weiteres gesperrt.

Die Nordseeinsel Wangerooge bĂŒsste im Sturm etwa 90 Prozent ihres Badestrandes ein. „Auf einer LĂ€nge von einem Kilometer gibt es kaum noch Sand“, sagte Wangerooges InselbĂŒrgermeister Marcel Fangohr. Auch auf der ostfriesischen Insel Langeoog wurde der Strand beschĂ€digt. „In Teilen ist gar kein Strand mehr da, die Abbruchkante geht bis zu den DĂŒnen“, sagte InselbĂŒrgermeisterin Heike Horn.

In anderen europĂ€ischen LĂ€ndern sorgte „Zeynep“ ebenfalls fĂŒr SchĂ€den, teils schon am Freitag: In den Niederlanden gab es vier Todesopfer wegen des Sturms – drei wurden von umfallenden BĂ€umen getroffen, ein Autofahrer starb bei der Kollision mit einem umgestĂŒrzten Baum. Grossbritannien meldete drei Todesopfer. Auf der Isle of Wight im SĂŒden von England wurden Windgeschwindigkeiten von 196 Stundenkilometern gemessen, was dort als Rekord gilt. In Irland starb ein Mann infolge des Orkantiefs.

In Deutschland war „Zeynep“ das zweite Orkantief innerhalb weniger Tage. Zuvor hatte „Ylenia“ ab Mittwochabend zu Tausenden EinsĂ€tzen gefĂŒhrt. Mindestens drei Autofahrer in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt waren bei wetterbedingten UnfĂ€llen gestorben.

(text:sda&aw/bild:archiv)