10 Dezember 2022

NobelpreistrÀger in Stockholm und Oslo ausgezeichnet

Die 14 diesjÀhrigen NobelpreistrÀgerinnen und -trÀger haben in Skandinavien ihre prestigetrÀchtigen Auszeichnungen erhalten. Menschenrechtler aus Belarus, Russland und der Ukraine wurden am Samstag zunÀchst auf einer Preiszeremonie in Oslo mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Alle weiteren PreistrÀger bekamen ihre Nobelmedaillen und -diplome dann kurz darauf in Stockholm.

Passenderweise am Tag der Menschenrechte wurden im Rathaus von Oslo das ukrainische Zentrum fĂŒr bĂŒrgerliche Freiheiten (Center for Civil Liberties, CCL), die aufgelöste russische Organisation Memorial und der inhaftierte belarussische Menschenrechtsanwalt Ales Bjaljazki mit dem wichtigsten politischen Preis der Erde geehrt. Sie seien “Champions des Friedens”, sagte die Vorsitzende des zustĂ€ndigen norwegischen Nobelkomitees, Berit Reiss-Andersen.

Die CCL-Vorsitzende Olexandra Matwijtschuk und Memorial-Chef Jan Ratschinski konnten die Preise fĂŒr ihre Organisationen persönlich entgegennehmen. Der seit anderthalb Jahren im GefĂ€ngnis sitzende Bjaljazki wurde dagegen von seiner Frau Natalja Pintschuk vertreten.

“In meinem Heimatland sitzt ganz Belarus in einem GefĂ€ngnis”, sagte sie im Namen ihres Mannes. Die Auszeichnung bestĂ€rke ihn nicht nur darin, seinen Überzeugungen treu zu bleiben, sondern gebe auch allen Belarussen die Hoffnung, im Kampf fĂŒr ihre Rechte auf die SolidaritĂ€t der demokratischen Welt zĂ€hlen zu können. Reiss-Andersen sagte in Richtung Bjaljazki: “Ales, du bist nicht allein. Wir stehen dir bei.”

Die Ukrainerin Matwijtschuk betonte, dass Frieden, Fortschritt und Menschenrechte untrennbar miteinander verbunden seien. Ein Staat, der Journalisten töte, Aktivisten einsperre und friedliche Demonstrationen auflöse, stelle nicht nur eine Bedrohung fĂŒr seine BĂŒrger dar, sondern fĂŒr die ganze Region und den Frieden in der Welt. Zur Lage in ihrer Heimat sagte sie: “Die Menschen in der Ukraine wollen Frieden mehr als alles andere auf der Welt. Aber Frieden kann nicht dadurch erreicht werden, dass ein angegriffenes Land seine Waffen niederlegt. Das wĂ€re nicht Frieden, sondern Besatzung.”

Der Russe Ratschinski sagte, die Auszeichnung habe grosse symbolische Bedeutung fĂŒr Memorial. “Sie unterstreicht, dass staatliche Grenzen die Zivilgesellschaft nicht trennen können und sollten.” In einem Interview der BBC berichtete er davon, dass Memorial von russischer Behördenseite aus geraten worden sei, den Preis wegen der Mitausgezeichneten abzulehnen. NatĂŒrlich habe man diesem Ratschlag keine Beachtung geschenkt, sagte er.

Der Friedensnobelpreis war Bjaljazki, Memorial und dem CCL bereits Anfang Oktober zugesprochen worden – international wurde das auch als Zeichen gegen das Vorgehen von Kremlchef Wladimir Putin und dem belarussischen PrĂ€sidenten Alexander Lukaschenko gewertet. Ausgezeichnet wurden die PreistrĂ€ger fĂŒr ihre langjĂ€hrige Arbeit, Machthabende zu kritisieren und wesentliche BĂŒrgerrechte zu verteidigen. Sie hĂ€tten sich ausserordentlich darum bemĂŒht, Kriegsverbrechen, Menschenrechtsverstösse und Machtmissbrauch zu dokumentieren, wĂŒrdigte die Jury sie. “Gemeinsam demonstrieren sie die Bedeutung der Zivilgesellschaft fĂŒr Frieden und Demokratie.”

Die Nobelpreise gehen auf den Dynamit-Erfinder Alfred Nobel (1833-1896) zurĂŒck. Sie werden traditionell an Nobels Todestag, dem 10. Dezember, ĂŒberreicht – der Friedensnobelpreis als einziger in Oslo, alle anderen in Stockholm. Pro Kategorie ist die Auszeichnung in diesem Jahr erneut mit einem Preisgeld in Höhe von zehn Millionen schwedischen Kronen (rund 920 000 Euro) dotiert.

“Dieses Jahr ist besonders”, sagte der Vorsitzende der Nobelstiftung, Carl-Henrik Heldin, auf der Stockholmer Zeremonie. Nachdem die Corona-Pandemie grössere Feierlichkeiten in den beiden Vorjahren verhindert habe, könne man die BĂŒhne nun endlich wieder mit NobelpreistrĂ€gerinnen und -trĂ€gern fĂŒllen. Mit Blick unter anderem auf Ukraine-Krieg, Energiekrise und zunehmendem Klimawandel sagte er: “Angesichts dieser Vielzahl von Krisen und Herausforderungen braucht die Welt engagierte Wissenschaftler, die unermĂŒdlich nach der Wahrheit suchen und die Grenzen unseres Wissens erweitern.”

Unter den Geehrten war auch der schwedische Evolutionsforscher Svante PÀÀbo, der Direktor am Leipziger Max-Planck-Institut fĂŒr EvolutionĂ€re Anthropologie ist. Er bekam den Medizin-Nobelpreis fĂŒr seine Erkenntnisse zur menschlichen Evolution. Der Physik-Nobelpreis ging an Alain Aspect, John Clauser und den Österreicher Anton Zeilinger, derjenige fĂŒr Chemie an Morten Meldal, Carolyn Bertozzi und Barry Sharpless, der vor 21 Jahren schon einmal einen Chemie-Nobelpreis bekommen hatte. Die französische Schriftstellerin Annie Ernaux bekam den Literaturnobelpreis, die US-Ökonomen Ben Bernanke, Douglas Diamond und Philip Dybvig den Preis fĂŒr Wirtschaftswissenschaften.

Auf der BĂŒhne des Konzerthauses sassen auch zahlreiche PreistrĂ€ger der beiden Vorjahren, die 2020 und 2021 pandemiebedingt nicht nach Schweden kommen konnten. Darunter waren zwei Deutsche, Benjamin List (Chemie 2021) und Reinhard Genzel (Physik 2020).

(text:sda/bild:sda)