17 Oktober 2021

Nach Attentat auf David Amess: Grossbritannien trauert und debattiert

In Grossbritannien ist nach dem t├Âdlichen Attentat auf den Tory-Abgeordneten David Amess eine Debatte ├╝ber das Verh├Ąltnis zwischen B├╝rgern├Ąhe und Sicherheit von Parlamentariern entbrannt. Der Fall hatte im ganzen Land grosse Best├╝rzung ausgel├Âst. Hunderte Menschen gedachten am Samstagabend des bei einem Messerangriff get├Âteten konservativen Politikers in seinem Wahlkreis in der englischen Grafschaft Essex mit einer Lichter-Mahnwache.

Amess war am Freitag w├Ąhrend einer B├╝rgersprechstunde in den R├Ąumen einer Methodisten-Kirche im K├╝stenort Leigh-on-Sea erstochen worden. Ein 25-J├Ąhriger Mann wurde unmittelbar nach der Tat vor Ort unter Mordverdacht festgenommen, inzwischen wird er wegen Terrorverdachts festgehalten. Die Polizei geht davon aus, dass er alleine gehandelt hat. Wie Scotland Yard am Samstagabend mitteilte, fanden im Zusammenhang mit dem Fall drei Hausdurchsuchungen im Raum London statt.

Bei dem Festgenommenen handelt es sich Berichten zufolge um einen Briten somalischer Herkunft. Erste Untersuchungen hatten nach Angaben der Polizei “eine m├Âgliche Motivation in Verbindung zu islamistischem Extremismus” ergeben.

Der Mann hatte Medien zufolge zudem an einem Pr├Ąventionsprogramm gegen Extremismus teilgenommen. Wie unter anderem die BBC am Sonntag berichtete, war er bereits vor einigen Jahren an das Pr├Ąventionsprojekt “Prevent” verwiesen worden; unter Beobachtung des Inlandsgeheimdiensts MI5 habe er aber nicht gestanden. Sein Vater, ein fr├╝herer Berater des somalischen Ministerpr├Ąsidenten, zeigte sich “sehr traumatisiert” von der Tat. Er habe mit so etwas nie gerechnet, sagte er der “Times”.

Innenministerin Priti Patel k├╝ndigte am Sonntag an, die Regierung werde “absolut alles unternehmen” um Abgeordnete besser zu sch├╝tzen. Derzeit werde gepr├╝ft, wie Sicherheitsl├╝cken geschlossen werden k├Ânnten. “Das sollte aber niemals die Verbindung zwischen einem gew├Ąhlten Vertreter und seiner demokratischen Rolle, Verantwortung und der Pflicht gegen├╝ber den W├Ąhlern zerreissen”, so Patel in einem Interview des Nachrichtensenders Sky News am Sonntag.

Auch Unterhauspr├Ąsident Lindsay Hoyle hatte eine Debatte ├╝ber die Sicherheit von Politikern angemahnt. Es sei aber “essenziell”, dass die Abgeordneten ihre Beziehung zu den B├╝rgern aufrechterhalten k├Ânnten, sagte Hoyle. Er selbst habe daher seine Sprechstunde selbst nach dem Attentat auf Amess noch abgehalten. “Wir m├╝ssen sicherstellen, dass die Demokratie das ├╝berlebt”, so Hoyle weiter.

Amess’ Parteifreund Tobias Ellwood, der f├╝r seinen beherzten Erste-Hilfe-Einsatz nach einem terroristischen Angriff auf das Parlament im Jahr 2017 bekannt wurde, forderte am Samstag hingegen, physische Treffen von Angeordneten mit B├╝rgern vor├╝bergehend einzustellen.

Britische Abgeordnete, die alle direkt in ihrem Wahlkreis gew├Ąhlt werden, bieten regelm├Ąssig Sprechstunden mit B├╝rgern an, die auch kurzfristig besucht werden k├Ânnen. Die sogenannten “surgeries” werden gew├Âhnlich einmal pro Woche abgehalten und gelten als wichtiger Bestandteil der demokratischen Kultur in Grossbritannien. Auch die Labour-Abgeordnete Jo Cox war 2016 bei einer B├╝rgersprechstunde von einem Rechtsextremisten ermordet worden. Das Attentat ereignete sich nur wenige Wochen vor dem Brexit-Referendum.

Premierminister Boris Johnson hatte den Tatort am Samstag besucht. Auf Fernsehbildern war zu sehen, wie der Premier und Konservativen-Parteichef einen Kranz an der Kirche niederlegte, die am Freitag zum Schauplatz des Messerangriffs auf Amess wurde. Begleitet wurde er von Oppositionschef Keir Starmer von der Labour-Partei, der ebenfalls einen Kranz niederlegte.

Wie die britische Nachrichtenagentur PA berichtete, wollen weder die Labour-Partei noch die Liberaldemokraten bei der Wahl f├╝r den Nachfolger von Amess einen Kandidaten aufstellen. Ein Termin f├╝r die Wahl stand zun├Ąchst noch nicht fest.

K├Âlns Oberb├╝rgermeisterin Henriette Reker (parteilos), die im Jahr 2015 selbst Opfer eines Messerangriffs wurde, hatte sich ersch├╝ttert ├╝ber den Vorfall gezeigt. “F├╝rchterliche Nachrichten aus dem Vereinigten K├Ânigreich. Der feige Mord an David Amess geht mir pers├Ânlich nahe. In Europa m├╝ssen alle DemokratInnen zusammenstehen gegen Hass und Gewalt”, schrieb Reker auf Twitter.

Amess hinterl├Ąsst eine Frau und f├╝nf Kinder. Der gl├Ąubige Katholik aus einer Arbeiterfamilie galt als erzkonservativer Brexit-Bef├╝rworter, der sich gegen das Recht auf Abtreibung und f├╝r Tierrechte einsetzte. Er war auch ein entschiedener Gegner der Fuchsjagd. Amess sass seit 1983 f├╝r die Tories im britischen Parlament, zuerst f├╝r den Wahlkreis Basildon, sp├Ąter f├╝r Southend West. Er war ein gl├╝hender Anh├Ąnger der “Eisernen Lady” Margaret Thatcher. 2015 wurde er zum Ritter geschlagen.

In einem im vergangenen Jahr ver├Âffentlichten Buch klagte Amess noch dar├╝ber, wie die seit dem Mord an Cox gestiegenen Sicherheitsvorkehrungen “die grossartige britische Tradition” der Treffen mit B├╝rgern erschwere. “Wir alle machen uns gerne verf├╝gbar f├╝r die Bewohner unserer Wahlkreise und haben es oft mit Menschen mit psychischen Problemen zu tun. Es k├Ânnte jeden von uns treffen”, so Amess damals.

(text:sda/bild:keystone)