7 Mai 2021

Mindestens 25 Tote bei blutigstem Polizeieinsatz in Rios Geschichte

Bei dem blutigsten Polizeieinsatz in der Geschichte der brasilianischen Millionenmetropole Rio de Janeiro sind √ľber zwei Dutzend Menschen ums Leben gekommen. Bei den heftigen Gefechten zwischen mutmasslichen Mitgliedern von Drogenbanden und der Polizei in der Favela Jacarezinho seien mindestens 25 Menschen get√∂tet worden, berichtete das Nachrichtenportal „G1“ am Donnerstag. Nach Angaben der Polizei handelte es sich bei den Opfern um 24 Verd√§chtige und einen Beamten der Anti-Drogen-Einheit.

Zudem wurden zwei Fahrg√§ste der Metro, die in der N√§he des Armenviertels im Norden von Rio vorbeif√ľhrt, in einem U-Bahn-Wagen angeschossen. Ein Mann wurde in seinem Haus von einem Querschl√§ger im Fuss getroffen. Ausserdem wurden zwei Polizeibeamte bei dem Einsatz verletzt.

Nach Angaben von „G1“, das Informationen der staatlichen Universit√§t UFF und der App „Fogo Cruzado“ (Kreuzfeuer) auswertete, die Daten √ľber bewaffnete Gewalt sammelt, war dies die Polizei-Operation mit den meisten Toten in der Geschichte Rio de Janeiros. „Man kann das nur als eine katastrophalen Einsatz bezeichnen“, sagte der Soziologe Daniel Hirata von der UFF. „Es handelt sich um eine Aktion, die von den Polizeibeh√∂rden genehmigt wurde. Das macht die Sache noch viel schwerwiegender.“

Im Juli hatte der Oberste Gerichtshof (STF) in Bras√≠lia Polizei- Eins√§tze in Favelas w√§hrend der Corona-Pandemie ausgesetzt. Diese sind nur in „absoluten Ausnahmef√§llen“ erlaubt. Rios Polizei bezeichnete dies laut der Zeitung „Folha de S. Paulo“ als „Justiz-Aktivismus“ und versicherte, dass sie alle Anforderungen des STF erf√ľllt habe.

Die Favela Jacarezinho gilt als einer der St√ľtzpunkte des „Comando Vermelho“ (Rotes Kommando) im Norden Rios, den dieses unter anderem mit Barrikaden sch√ľtzt. M√§chtige Verbrechersyndikate wie das „Comando Vermelho“ und eine Reihe kleinerer Banden ringen in den Armenvierteln um die Kontrolle von Drogenhandel und Schutzgeldgesch√§ft.

Angesichts von heftigen Schusswechseln und Explosionen konnten Bewohner, unter ihnen eine Braut und eine Schwangere, stundenlang ihre Häuser nicht verlassen. Eine Klinik musste geschlossen bleiben.

In keinem anderen Land der Welt kommen so viele Menschen bei Polizeieins√§tzen ums Leben wie in Brasilien. Im Jahr 2019 t√∂teten Sicherheitskr√§fte in dem s√ľdamerikanischen Land 5804 Menschen, wie aus einem Gewaltmonitor hervorgeht, der von „G1“, dem Brasilianischen Forum f√ľr √∂ffentliche Sicherheit und der Universit√§t von S√£o Paulo betrieben wird. In den USA erschossen Polizisten im Jahr 2019 1098 Menschen, in Deutschland wurden 14 Personen von Beamten get√∂tet.

Die Verh√§ltnisse sowie die Arbeitsbedingungen der Polizei in Europa lassen sich nicht mit denen in Brasilien vergleichen: Viele Armenviertel werden von schwer bewaffneten Drogenbanden kontrolliert. R√ľckt die Polizei in den Favelas ein, um einen Haftbefehl zu vollstrecken oder nach Rauschgift zu suchen, wird sie nicht selten mit Salven aus Sturmgewehren empfangen. Die Operationen in den Ganglands von Rio de Janeiro und S√£o Paulo gleichen eher Milit√§reins√§tzen als Polizeimassnahmen. Menschenrechtsaktivisten werfen Polizei und Streitkr√§ften allerdings vor, mit √ľbertriebener H√§rte vorzugehen.

(text:sda/bild:unsplash)