18 Juli 2021

Merkel besucht Hochwasseropfer – Unwetter auch in Bayern

Vier Tage nach den verheerenden Unwettern in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen ist die Zahl der Todesopfer auf mehr als 150 gestiegen. Allein im Kreis Ahrweiler kamen nach Polizeiangaben mindestens 110 Menschen ums Leben, 670 wurden verletzt. In Nordrhein-Westfalen lag die Zahl der bestätigten Todesopfer bis Sonntagmittag bei 46, darunter vier Feuerwehrleute.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wollte die besonders betroffene Eifel am Sonntagmittag besuchen. W√§hrend sich dort und im S√ľdwesten von NRW die Wassermassen vielerorts zur√ľckgezogen haben, sorgten neue Regenf√§lle in S√ľdostbayern, der S√§chsischen Schweiz und √Ėsterreich f√ľr √úberschwemmungen. Besonders betroffen ist das Berchtesgadener Land. „Fahrzeuge auf den Strassen wurden zum Spielball der Wassermassen“, berichtete ein Einsatzleiter. F√ľr Sonntag ist dort weiterer starker Regen vorhergesagt.

Merkel wird den Planungen zufolge zun√§chst die Eifelgemeinde Schuld besuchen, die besonders schwer verw√ľstet wurde. Danach (14.30 Uhr) ist ein Pressestatement mit Ministerpr√§sidentin Malu Dreyer (SPD) in Adenau etwa 50 Kilometer westlich von Koblenz geplant.

In der Region wird weiter nach Toten und Verletzten gesucht, so dass sich die Opferzahl noch weiter erh√∂hen k√∂nnte. Strom- und Telefonleitungen sind teils unterbrochen. Bei der schwersten Hochwasserkatastrophe in Deutschland seit Jahrzehnten wurden viele H√§user zerst√∂rt. Br√ľcken, Strassen und Bahnstrecken liegen in Tr√ľmmern.

In Erftstadt westlich von K√∂ln suchen zahlreiche Menschen noch nach ihren Angeh√∂rigen. Bisher wurden nach Angaben der Stadt bei der „Personenauskunftsstelle“ 59 Menschen gemeldet, deren Aufenthaltsort ungewiss ist. 16 davon k√§men aus Erftstadt. Im Stadtteil Blessem wollen Fachleute am Sonntag die Stabilit√§t des Untergrunds pr√ľfen. Sie sollen nach Angaben der Stadt die Abbruchkanten eines Erdrutsches untersuchen. Die Lage sei unver√§ndert angespannt. In Blessem war durch die Fluten ein riesiger Krater entstanden. Mindestens drei Wohnh√§user und ein Teil der Burg st√ľrzten ein.

Einen R√ľckschlag gab es bei Euskirchen an der Steinbachtalsperre s√ľdwestlich von Bonn. Dort fliesst das Wasser langsamer als erwartet ab. Deshalb sollten Experten am Sonntag die Lage des von einem Bruch bedrohten Staudamms neu bewerten, wie die Bezirksregierung K√∂ln mitteilte. Eigentlich hatten die Beh√∂rden gehofft, am Sonntagnachmittag Entwarnung geben zu k√∂nnen. Aus der Talsperre wird Wasser abgelassen, um Druck von dem Damm zu nehmen.

NRW-Ministerpr√§sident Armin Laschet (CDU), der am Samstag mit Bundespr√§sident Frank-Walter Steinmeier das Katastrophengebiet in Erftstadt besucht hatte, versprach den Betroffenen Direkthilfe und sagte zu, dass „sehr unb√ľrokratisch Geld ausgezahlt“ werde. Steinmeier hatte zu Solidarit√§t und Spenden aufgerufen. F√ľr Montag hat sich Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) in NRW und Rheinland-Pfalz angek√ľndigt.

Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) stellte Soforthilfen in dreistelliger Millionenh√∂he in Aussicht. „Es braucht einen nationalen Kraftakt“, sagte er der „Bild am Sonntag“. Am Mittwoch will der Vizekanzler im Kabinett zwei Dinge auf den Tisch legen: „Erstens eine Soforthilfe, bei der letzten Flut waren daf√ľr deutlich mehr als 300 Millionen Euro n√∂tig. Da wird jetzt sicher wieder so viel gebraucht“, erl√§uterte Scholz. „Zweitens m√ľssen wir die Grundlage f√ľr ein Aufbauprogramm schaffen, damit die zerst√∂rten H√§user, Strassen und Br√ľcken z√ľgig repariert werden. Wie wir von der vorherigen Katastrophe wissen, geht es um Milliarden Euro.“

Im Hochwassergebiet im Berchtesgadener Land waren nach offiziellen Angaben 890 Hilfskr√§fte in den besonders betroffenen Orten im Einsatz. Einsatzleiter Anton Brandner sprach von dramatischen Szenen. Heftige Regenf√§lle hatten am Samstagabend den Fluss Ache √ľber die Ufer treten und H√§nge abrutschen lassen. Zwei Menschen kamen ums Leben. Ein Opfer starb dem Landkreis zufolge an einer nat√ľrlichen Ursache. Aber auch das k√∂nne mit dem Unwetter zusammenh√§ngen.

Betroffen waren vor allem die Orte Berchtesgaden, Bischofswiesen, Sch√∂nau am K√∂nigssee, Marktschellenberg und Ramsau. Feuerwehr und andere Hilfskr√§fte mussten zu bis zu 500 Eins√§tzen ausr√ľcken – auch um Menschenleben zu retten. Bayerns Ministerpr√§sident Markus S√∂der und Innenminister Joachim Herrmann (beide CSU) wollten Regierungskreisen zufolge am Nachmittag in die Hochwasserregion fahren, um sich ein Bild von der Lage zu machen. Am Morgen reichte das Unwettergebiet bis nach Passau.

Immense Regenf√§lle verursachten am Samstag auch in Teilen Sachsens √úberschwemmungen und Erdrutsche. √Ėrtlich fielen innerhalb von 24 Stunden mehr als 100 Liter pro Quadratmeter. In der S√§chsischen Schweiz waren mehrere Ortslagen von St√§dten und Gemeinden vor√ľbergehend nicht erreichbar. Die Bahnstrecke zwischen Bad Schandau und dem tschechischen Deńćin – Teil der Verbindung Berlin-Dresden-Prag – wurde gesperrt. Am Sonntag entspannte sich die Lage.

Heftiger Regen fiel in der Nacht zum Sonntag zudem in √Ėsterreich. Betroffen waren etwa Salzburg, Tirol und Wien. In Hallein an der Grenze zu Bayern wurden Teile der Altstadt √ľberflutet. Die Beh√∂rden sicherten am Sonntag tiefer gelegene Teile der Stadt gegen eine neuerliche √úberflutung, wie ein Sprecher sagte. Zugleich seien Aufr√§umarbeiten in der Altstadt im Gange. „Wir gehen von einem Millionenschaden aus.“ Einige Geb√§ude sowie Teile der Infrastruktur seien schwer besch√§digt. Auch in Kufstein in Tirol standen Teile der Stadt unter Wasser.