17 MĂ€rz 2021

Kuno Lauener: „Manchmal war ich ein richtiges Gigeli“

In einem grossen Interview hat Kuno Lauener, Frontmann der Berner Band ZĂŒri West, seine Multiple-Sklerose-Diagnose publik gemacht. Heute feiert er seinen 60. Geburtstag und sagt, dieser Runde allein sei ja „schon kein Schleck, MS hin oder her“.

Kuno Lauener hat innerhalb weniger Jahre Mutter und Vater verloren, sich von seiner langjĂ€hrigen Partnerin und Mutter seiner zwei Kinder getrennt und nach lĂ€ngeren gesundheitlichen Problemen eine Schockdiagnose erhalten. „Multiple Sklerose. Peng.“, schilderte er der „NZZ am Sonntag“ den Tag im Juli 2017, der sein Leben grundlegend verĂ€nderte.

Trotz persönlicher SchicksalsschlĂ€ge und der Pandemie bleibt der Berner SĂ€nger positiv -„mit dem gebotenen Respekt und ein bisschen Angst“, wie er am Dienstagabend in der Sendung „10vor10“ im Schweizer Fernsehen SRF sagte. Im einzigen Interview, das er nach dem Zeitungsartikel und den nachfolgenden Schlagzeilen um die Krankheit zu seinem runden Geburtstag noch geben wollte.

Angst hat der SĂ€nger der Berner Band ZĂŒri West vor allem im Zusammenhang mit seinen Kindern. Vater zu sein, sei sein Hauptjob und „so eine Diagnose suggeriert einen Endpunkt“. Er gebe entsprechend gut acht auf sich und hoffe, dass sich die Krankheit stillhalte. Ähnliche Ängste hĂ€tte Lauener aber womöglich auch ohne seine Krankheit. Seit sein Vater seinerzeit kurz nach seinem Sechzigsten fast gestorben sei, „glaube ich keinem mehr, der sagt, sechzig zu werden ist easy“, dann könne es losgehen.

Als ZĂŒri West im MĂ€rz 2017 ihr jĂŒngstes Album „Love“ veröffentlichten, sagte Kuno Lauener im GesprĂ€ch mit Keystone-SDA, dass er sich zum ersten Mal frage, ob dies die letzte Scheibe sei. Vier Jahre spĂ€ter sieht es nicht danach aus, hat er sich doch in den letzten Monaten „an jede halbe Idee gehĂ€ngt“ und eine Handvoll neuer Texte geschrieben, wie er gegenĂŒber dem Schweizer Fernsehen sagte. „Manche sind fertig, andere auf dem Weg dahin“ – gerade ist er dabei, seine Worte mit den Melodien seiner Band zu kombinieren.

Einer Band, die beim nĂ€chsten Konzert anders aussehen wird als beim letzten Auftritt vor zweieinhalb Jahren. Schlagzeuger Gert StĂ€uble und Bassist Wolfgang Zwiauer sind nicht mehr dabei. Es sei ein wiederkehrendes Schicksal, „dass jemand die Nase voll hat von uns oder von mir“, so Kuno Lauener zu „10vor10“. In diesem Sinn ist die Zukunft von ZĂŒri West ungewiss. Der Frontmann hofft aber sehr, dass es sie wegen „all dem Zeug“ nicht einfach nicht mehr geben wird.

Der Blick nach vorne ist das eine. WĂ€hrend der letzten zwei Wochen ist Kuno Lauener auch in die Vergangenheit gereist. Er hat alle ZĂŒri-West-Alben nacheinander abgespielt. „Ich bin einfach aufs Sofa gelegen, habe zugehört und geschaut, was mit mir passiert“, sagte er. Interessant sei es gewesen, zumal er sich hin und wieder kaum mehr erkannte. „Manchmal war ich ein richtiges Gigeli.“ Heisst: In manchen Texten hat er „Gielezeug“ von sich gegeben, das er heute nie mehr so formulieren wĂŒrde.

Begonnen hat Kuno Laueners Musikkarriere mit einer Gitarre, die er als 16-JĂ€hriger von seinem Vater geschenkt bekam. „Was ich schnell merkte, war, dass man als SĂ€nger einer Band anders wahrgenommen wird, auch von den MĂ€dchen“, sagte der spĂ€tere Rockstar der „NZZ am Sonntag“ weiter. Das sei ihm, einem eher schĂŒchternen Typ, sehr entgegen gekommen.

Anfangs seien die aus der Coverband Sweet Home Pyjamas beziehungsweise Gianni Panini heraus entstandenen ZĂŒri West eine postpunkmĂ€ssige Gitarrenband gewesen, und in kleinen Clubs unterwegs. „Dann kam die gelbe Scheibe“, so Kuno, der damit das 200’000-fach verkaufte 1994er-Album „ZĂŒri West“ meint. Die Platte enthĂ€lt „I schĂ€nke dir mis HĂ€rz“, den grössten Hit der Band.

Ab da sei es „abgegangen wie blöd“. Und ja, berĂŒhmt zu sein, war ganz im Sinne der Band. Aber: „Wir wollten Rockschweine sein und waren dann plötzlich Popstars.“ Anstatt sich um eine ernsthafte Karriereplanung zu kĂŒmmern, reiste die Band nach Philadelphia und produzierte „Hoover Jam“, eine „schrĂ€ge Scheibe“. Und ein Versuch, sich den Stempel der Hit-Band sogleich wieder abzuwischen. „Das hĂ€tte man auch anders lösen können, aber es war eine coole Zeit“, erinnerte sich Lauener im gestrigen TV-Interview.

Viele Leute wĂŒrden ZĂŒri West vermissen, wenn es sie nicht mehr gĂ€be. Das weiss Kuno Lauener unter anderem von den vielen Nachrichten und Anrufen, die seit dem Artikel in der „NZZ am Sonntag“ auf ihn einprasseln. Auch er möchte wieder auf Tournee gehen, am liebsten da weitermachen, wo ZĂŒri West vor der Diagnose und der Coronakrise aufgehört haben – trotz der „Scheisskrankheit“. Man werde sehen.

(text:sda/bild:beo – kuno lauener mit beo-moderatorin sandra brand 2008 am snowpenair)