5 Juni 2021

Kinder-Massengrab in Kanada – UN-Experten fordern AufklĂ€rung

Nach dem Fund eines Massengrabs mit Überresten von 215 Kindern auf dem GelĂ€nde eines frĂŒheren Internats fĂŒr Indigene in Kanada haben UN-Menschenrechtsexperten am Freitag von der Regierung des Landes und dem Vatikan umfassende AufklĂ€rung verlangt. Kanadas Premierminister Justin Trudeau rief seinerseits die katholische Kirche auf, fĂŒr ihre Rolle in diesen Schulen Verantwortung zu ĂŒbernehmen, wie die Nachrichtenagentur Canadian Press am Freitag (Ortszeit) berichtete. Rosanne Casimir, das Oberhaupt der Tk’emlups te Secwepemc First Nation in der westlichen Provinz British Columbia, forderte eine öffentliche Entschuldigung des Vatikans.

Das Massengrab in der NĂ€he der Stadt Kamloops in British Columbia war Ende Mai entdeckt worden. Es fand sich auf dem GelĂ€nde der Kamloops Residential School, einer Art Umerziehungslager fĂŒr Kinder kanadischer Ureinwohner, das zwischen 1890 und 1978 in Betrieb gewesen war. Wann und woran die Kinder starben, ist noch nicht bekannt. Einige von ihnen wurden nur drei Jahre alt.

Die UN-Menschenrechtsexperten forderten in einer Stellungnahme Kanadas Regierung und den Vatikan auf, umfassende Untersuchungen zu den TodesumstĂ€nden der Kinder und zu etwaigen Verantwortlichen zu veranlassen. Die Experten sprachen von „abscheulichen Verbrechen“ und Menschenrechtsverstössen in den Internaten. Es wĂ€re „schlicht unvorstellbar“, wenn der kanadische Staat und der Vatikan die Verantwortlichen ungeschoren davonkommen liessen und sich nicht um eine umfassende EntschĂ€digung kĂŒmmerten, hiess es. Ermittlungen seien an allen derartigen Einrichtungen in Kanada nötig, um Folter- und MissbrauchsvorwĂŒrfen nachzugehen und womöglich noch lebende ÜbeltĂ€ter zur Rechenschaft zu ziehen.

Auf der ersten Pressekonferenz seit dem Fund sagte Casimir am Freitag Medienberichten zufolge, ihre indigene Gemeinschaft habe sich kĂŒrzlich mit dem örtlichen katholischen Bischof getroffen – aber das reiche nicht. „Wir wollen eine Entschuldigung – eine öffentliche Entschuldigung, nicht nur fĂŒr uns, sondern fĂŒr den Rest der Welt“, zitierte sie die kanadische Zeitung „The Globe and Mail“. „Wir machen die Katholische Kirche dafĂŒr verantwortlich (…)“.

Die Einrichtung bei Kamloops war nach Angaben von Indigenen die grösste ihrer Art in Kanada. Vom 17. Jahrhundert bis in die 1990er wurden solche sogenannten Residential Schools von der Regierung verwaltet und finanziert. Betreiber waren grösstenteils Kirchen und religiöse Organisationen.

Es handelt sich um eines der dunkelsten Kapitel in der Geschichte Kanadas: Über Jahrzehnte riss die Regierung Tausende Söhne und Töchter aus ihren Familien und steckte sie in Internate. Dort sollten sie ihre Kultur vergessen – Feste, Lieder, Sprache, Religion – und die Traditionen der europĂ€ischen Einwanderer erlernen. Gewalt und sexueller Missbrauch waren praktisch an der Tagesordnung.

Der Missionsorden, der die Schule betrieb, habe seine internen Aufzeichnungen geheimgehalten, sagte Casimir weiter. Die Überreste scheinen von Kindern zu stammen, deren Tod nicht dokumentiert war und die in nicht gekennzeichnete GrĂ€ber gelegt wurden.

Auch Trudeau machte der katholischen Kirche schwere VorwĂŒrfe. Sie sei ihrer Verantwortung nie gerecht geworden und stemme sich noch immer gegen eine rĂŒckhaltlose AufklĂ€rung. Er sei „tief enttĂ€uscht“ vom Vorgehen der Kirche, die nun endlich Dokumente freigeben und die Opfer der Verbrechen entschĂ€digen mĂŒsse.

(text:sda/bild:unsplash)