23 M├Ąrz 2022

Farewell, Madam Secretary: Madeleine Albright ist gestorben

Madeleine Albright hat die US-Aussenpolitik nach dem Zerfall des Ostblocks entscheidend mitgepr├Ągt: Als Botschafterin bei den Vereinten Nationen und dann als erste Aussenministerin warb sie resolut, eloquent und prinzipientreu f├╝r Amerikas Interessen. Unter dem damaligen Pr├Ąsidenten Bill Clinton wurde die urspr├╝nglich aus Osteuropa stammende Demokratin zu einer f├╝hrenden Stimme der US-Aussenpolitik im 20. Jahrhundert. Nach dem Ausscheiden aus der Regierung schrieb Albright unter anderem mehrere erfolgreiche B├╝cher. Sie starb am Mittwoch im Alter von 84 Jahren infolge eines Krebsleidens, wie ihre Familie ├╝ber Twitter mitteilte.

Auch nach ihrer Zeit in der aktiven Politik machte Albright kein Geheimnis aus ihrer Weltsicht. US-Pr├Ąsident Donald Trump etwa warf sie vor, das Land zu spalten und der Demokratie zu schaden. „Er ist der undemokratischste Pr├Ąsident in der modernen Geschichte der USA“, sagte Albright etwa 2018. Trumps Verachtung f├╝r die Medien und institutionelle Strukturen gef├Ąhrde die Stabilit├Ąt des Landes. „Dagegen m├╝ssen wir etwas unternehmen“, mahnte die damals 81-J├Ąhrige bei einer Diskussionsrunde zu ihrem Buch „Faschismus. Eine Warnung“. Die Demokratie d├╝rfe nicht als selbstverst├Ąndlich angesehen werden, mahnte sie. „Ich mache mir Sorgen – und zwar jeden Tag mehr.“

Als UN-Botschafterin in New York bem├╝hte sich Albright ab 1993 um eine F├╝hrungsrolle der USA bei der Befriedung von Krisen, die nach dem Ende des Ost-West-Konflikts ausgebrochen waren. Die Krisenherde Somalia, Ruanda und Bosnien zeigten allerdings auch die Grenzen der US-Aussenpolitik auf. Experten lobten Albright aber zum Beispiel f├╝r ihre harte Linie gegen├╝ber dem Irak und der Milit├Ąrjunta in Haiti.

Kritiker bezeichneten Albrights Auftreten bei den UN bisweilen als undiplomatisch. Sie sah das aber eher als Lob f├╝r ihr resolutes Eintreten f├╝r amerikanische Interessen. 1996 spielte sie dann die Schl├╝sselrolle bei den Bem├╝hungen, UN-Generalsekret├Ąr Butros Butros-Ghali eine zweite Amtszeit zu verwehren. Die USA warfen ihm mangelnden Reformwillen vor. Albright setzte den US-Willen letztlich gegen grossen Widerstand aus der internationalen Gemeinschaft durch.

In Clintons zweiter Amtszeit f├╝hrte Albright ab 1997 als erste Frau das Aussenministerium, wodurch sie die bis dahin rangh├Âchste Frau in einem US-Regierungsamt wurde. Die 1937 in Prag geborene Diplomatin setzte sich dabei mit Nachdruck f├╝r die Nato-Osterweiterung ein. „Madam Secretary“ bem├╝hte sich auch gezielt um die Pflege der Beziehungen zu Verb├╝ndeten. Mit dem damaligen deutschen Aussenminister Joschka Fischer etwa soll sie ein sehr gutes Verh├Ąltnis gehabt haben.

Darauf setzte sie auch, als die Bem├╝hungen um eine Einigung im Kosovo-Konflikt mit dem damaligen Serben-Pr├Ąsidenten Slobodan Milosevic gescheitert waren. Sie warb erfolgreich f├╝r Nato-Luftangriffe im ehemaligen Jugoslawien. Albright versuchte sich auch an den dicken Brettern der Aussenpolitik, darunter bessere Beziehungen zu Russland und Frieden im Nahen Osten, konnte dabei allerdings keine grossen Ergebnisse vorweisen. Albright blieb bis zum Ende von Clintons zweiter Amtszeit im Januar 2001 Aussenministerin.

Aufmerksamkeit erregte auch Albrights Aufarbeitung der Geschichte ihrer Familie – von der die Politikerin jahrzehntelang gar nichts gewusst hatte. Sie wurde am 15. Mai 1937 als Marie Jana (genannt Madlenka) Korbelova in Prag als ├Ąltestes von drei Kindern einer j├╝dischen Diplomatenfamilie geboren. Nach dem Einmarsch deutscher Truppen wanderte die Familie nach England aus, wo Albright in Unwissenheit ihrer j├╝dischen Herkunft katholisch erzogen wurde.

Ihr Vater Joseph Korbel diente nach dem Zweiten Weltkrieg der Tschechoslowakei als Diplomat. Nach der Macht├╝bernahme der Kommunisten in Prag beantragte die Familie 1948 Asyl in den USA und wanderte aus. Von ihrer j├╝dischen Abstammung und dem Tod Angeh├Âriger, darunter drei ihrer Grosseltern, in Konzentrationslagern der Nazis erfuhr Albright aber erst 1996. „Ich hatte keine Ahnung, dass ich aus einer j├╝dischen Familie stammte, geschweige denn, dass ├╝ber 20 Verwandte von mir den Holocaust nicht ├╝berlebt hatten“, schrieb sie im Buch „Winter in Prag: Erinnerungen an meine Kindheit im Krieg“.

Die Politologin heiratete 1959 ihren Studienfreund Joseph Albright, den Erben eines Medienunternehmens. Mit ihm hatte sie drei T├Âchter, nach 23 Ehejahren liessen sich die Albrights scheiden. Erst als ihre Kinder schon gr├Âsser waren, begann Albright 1975 ihre politische Karriere. Zun├Ąchst arbeitete sie f├╝r einen Senatoren, dann im Weissen Haus als Mitarbeiterin des Nationalen Sicherheitsrats. Ab 1982 lehrte sie in Washington an der renommierten Universit├Ąt Georgetown und beriet verschiedene demokratische Kandidaten – darunter Clinton, der sie nach seinem Wahlsieg Ende 1992 umgehend an Bord holte.

Auch nach ihrem Ausscheiden aus der Regierung 2001 und der R├╝ckkehr als Professorin an die Universit├Ąt Georgetown zog Albright sich nicht aus der Politik zur├╝ck. Sie gr├╝ndete eine globale Beratungsfirma, die auch Joschka Fischer zu ihren Experten z├Ąhlte. Zudem meldete sie sich immer wieder mit beissender Kritik an der Aussenpolitik zu Wort, etwa zum von Pr├Ąsident George W. Bush angezettelten Irak-Krieg. Vor der Pr├Ąsidentenwahl 2008 hatte Albright zun├Ąchst auf die Demokratin Hillary Clinton gesetzt, unterst├╝tzte dann aber den siegreichen Barack Obama. Dieser verlieh ihr 2012 als Pr├Ąsident die Freiheitsmedaille, die h├Âchste zivile Auszeichnung der USA.

(text:sda/bild:public domain/usgov)