19 Januar 2022

Epidemiologen schlagen Schaffung eines Krisenstabs vor

Die beiden Epidemiologen und ehemaligen Taskforce-Mitglieder Marcel Salath├ę und Christian Althaus wollen die Schweiz f├╝r k├╝nftige Pandemie-Wellen r├╝sten. Dazu schlagen sie in ihrem Papier f├╝r den Verein „CH++“ vor, schon im voraus einen Krisenstab zu schaffen.

„Mit unserem neuen Papier wollen wir im Hinblick auf k├╝nftige Krisen aufzeigen, was genau besser werden muss,“ sagt Marcel Salath├ę im Interview mit dem Tages-Anzeiger. Im Grossen und Ganzen habe die Schweiz die Krisenbew├Ąltigung in der Pandemie bisher nicht schlecht gemacht, aber es gebe viel Potenzial f├╝r Verbesserungen.

„Die Schweiz hat sehr gute Voraussetzungen, um eine Pandemie zu bew├Ąltigen. Wir haben eine starke Wirtschaft, eine international vernetzte Wissenschaft, gute sozio├Âkonomische Bedingungen und ein exzellentes Gesundheitssystem“, setzt sein Kollege Christian Althaus hinzu.

Dies habe es der Schweiz erlaubt mit relativ milden Massnahmen einigermassen gut durch die Pandemie zu kommen. Das reiche jedoch nicht aus. Die Schweiz brauche ein aktives Krisenmanagement, um in Europa als positives Beispiel voranzugehen.

Die Reaktionsgeschwindigkeit sei in der Schweiz ein Grundproblem, kritisiert Salath├ę. „So wurde die zweite Welle erst sp├Ąt gebremst, der Booster kam sp├Ąt, die technologischen Mittel wurden oft zu wenig gut und schnell in die Krisenbek├Ąmpfung integriert.“

In einer Pandemie seien aber manchmal Tage oder Stunden entscheidend. Daher m├╝sse sich die Schweiz auf den n├Ąchsten Ernstfall vorbereiten. Die strukturellen Stolpersteine , die die Arbeit verlangsamt h├Ątten, m├╝ssten beseitigt, wissenschaftliche Erkenntnisse und technologische Entwicklungen rascher in die Pandemiebek├Ąmpfung integriert werden.

Mit dem Verein ┬źCH++┬╗ m├Âchten die beiden Wissenschaftler einen Beitrag dazu leisten, dass die Schweiz auf der wissenschaftlichen und technologischen Ebene f├╝r k├╝nftige Krisen besser vorbereitet ist.

„Wir schlagen einen Krisenstab vor, wie es ihn am Anfang der Pandemie gegeben hat. Im Krisenmodus – eventuell auch mit Entscheidungskompetenzen – k├Ânnte er f├╝r einen effizienteren Austausch zwischen Politik, Beh├Ârden und Akteuren aus dem Gesundheitswesen, der Wirtschaft, Wissenschaft und Bildung sorgen,“ sagt Epidemiologe Althaus.

Dabei m├╝sse die Wissenschaft nicht bestimmen, betont Salath├ę. Aber als Entscheidungsgrundlage f├╝r die Politiker m├╝ssten die Szenarien vorhanden sein.

Als Beispiel f├╝r eine positive Pandemiebek├Ąmpfung heben die beiden Wissenschafter die skandinavischen Staaten hervor. Auch wenn sie leicht unterschiedliche Strategien verfolgten, sei ihnen gemeinsam, dass sie auf auf technologiebasierte L├Âsungen setzten und sich politisch und gesellschaftlich sehr geschlossen hinter die Pandemiebek├Ąmpfung stellten.

Es gebe dort deshalb weniger impf- und massnahmenskeptische Stimmen. „Das w├Ąre in der Schweiz auch m├Âglich, einem Land mit relativ starkem nationalem Zusammenhalt“, meint Althaus. Ein k├╝nftiger Krisenstab m├╝sse jedoch auch die stark antizentralistische Kraft in der Schweiz ernst nehmen und sich gut ├╝berlegen, wer im Krisenstab sein solle, wie er legitimiert sei und wie lange er bestehen solle, sagt Salath├ę.

Die Schweiz habe die richtigen Werkzeuge zur Verf├╝gung, um die Situation zu managen. Im Herbst 2020 sei er aber noch zu naiv in der Annahme gewesen, dass diese Tools auch sofort richtig genutzt w├╝rden. „Heute haben wir noch mehr Werkzeuge, mit der Impfung, aber auch mit besseren Medikamenten.“

Seine Sorge sei jedoch, dass man bald nichts mehr h├Âren wolle von neuen Varianten mit schwereren Verl├Ąufen oder mehr Long-Covid-F├Ąllen. „Lasst uns das Beste hoffen, aber lasst uns gleichzeitig gewappnet sein f├╝r k├╝nftige Wellen!“

(text:sda/bild:unsplash)