6 Juni 2021

Drosten: Plausibelste Quelle f├╝r Corona ist Chinas Pelzindustrie

Der renommierte deutsche Virologe Christian Drosten sieht unter den verschiedenen Hypothesen zur Herkunft von Sars-CoV-2 den Weg ├╝ber die Pelzindustrie als plausibelste an. Dies sagte der Berliner Forscher dem Schweizer Online-Magazin „Republik“.

„Ich habe daf├╝r keinerlei Belege, ausser die klar belegte Herkunft von Sars-1, und das hier ist ein Virus der gleichen Spezies. Viren der gleichen Spezies machen die gleichen Sachen und haben h├Ąufig die gleiche Herkunft“, sagte Drosten.

In den Jahren 2002 und 2003 hatte eine von China ausgehende Infektionswelle weltweit zu etwa 800 Todesopfern gef├╝hrt. Die Erkrankung wurde Schweres Akutes Atemwegssyndrom (Sars) genannt. Der Ende 2019 erstmals nachgewiesene Erreger Sars-CoV-2 ist mit dem damaligen Virus sehr eng verwandt.

Beim ersten Sars-Virus seien die ├ťbergangswirte Marderhunde und Schleichkatzen gewesen, sagte Drosten. „Das ist gesichert.“ In China w├╝rden Marderhunde nach wie vor in grossem Stil in der Pelzindustrie verwendet. Dabei w├╝rden immer wieder auch wilde Marderhunde in die Zuchtbetriebe gebracht, die zuvor Flederm├Ąuse – die als wahrscheinlichster Ursprung von Sars-CoV-2 gelten – gefressen haben k├Ânnen. „Marderhunden und Schleichkatzen wird lebendig das Fell ├╝ber die Ohren gezogen“, erkl├Ąrte der Charit├ę-Virologe. Die stossen Todesschreie aus und br├╝llen, und dabei kommen Aerosole zustande. Dabei kann sich dann der Mensch mit dem Virus anstecken.“

F├╝r ihn sei ├╝berraschend gewesen, dass diese Zucht ├╝berhaupt noch einmal als m├Âglicher Ausgangspunkt einer Pandemie infrage kommen w├╝rde – bis vor kurzem habe er „in der naiven Vorstellung“ gelebt, dass Schleichkatzen und Marderhunde als bekannte potenzielle ├ťbergangswirte inzwischen kontrolliert w├╝rden. „F├╝r mich war das eine abgeschlossene Geschichte. Ich dachte, dass diese Art von Tierhandel unterbunden worden sei und dass das nie wieder kommen w├╝rde. Und jetzt ist Sars zur├╝ckgekommen.“

Konkrete Hinweise, dass der ├ťbergang auf den Menschen ├╝ber Pelztierfarmen ablief, gebe es nicht – es gebe ├╝berhaupt keine Studien in diesem Bereich, zumindest seien keine ├Âffentlich geworden. Darum sei vollkommen unklar, ob Marderhunde in chinesischen Farmen oder auch andere Karnivoren in solchen Zuchten – etwa Nerze – Sars-CoV-2 tragen. „2003 und 2004 gab es grosse Studien, die in China gemacht wurden und die f├╝r Sars-1 die Verbindung zu Marderhunden und Schleichkatzen belegten.“ Diesmal sei das – zumindest bisher – offenbar nicht passiert.

Die Unklarheit ├╝ber den Weg vom Tier zum Menschen sorgt gerade aktuell wieder f├╝r politische Streitereien zwischen den USA und China. Der fr├╝here US-Pr├Ąsident Donald Trump war es, der die These befeuert hatte, das Coronavirus k├Ânne aus einem Labor in Wuhan stammen. Sein Nachfolger Joe Biden gab k├╝rzlich neue Geheimdienst-Nachforschungen dazu in Auftrag. Das Aussenministerium in Peking warf den USA daraufhin vor, von eigenem Versagen bei der Bek├Ąmpfung der Pandemie ablenken zu wollen.

Zu der These, das Virus sei versehentlich oder absichtlich in einem Labor erzeugt worden, sagte Drosten, dies liege zwar rein technisch betrachtet im Rahmen des M├Âglichen, aber: „Wenn jemand auf diese Weise Sars-2 entwickelt h├Ątte, dann w├╝rde ich sagen, der hat das ziemlich umst├Ąndlich gemacht.“ Mit dem ersten Sars-Virus als Grundlage h├Ątte man zu Forschungszwecken am ehesten nur ganz bestimmte Bereiche ver├Ąndert – Sars-CoV-2 aber sei voller Abweichungen zum ersten Virus.

„Lassen Sie es mich mit einem Bild erkl├Ąren: Um etwa zu ├╝berpr├╝fen, ob Anpassungen das Virus ansteckender machen, w├╝rde ich ein bestehendes System nehmen, da die ├änderung einbauen und das dann vergleichen mit dem alten System“, erkl├Ąrte der Virologe. „Wenn ich wissen will, ob ein neues Autoradio den Klang verbessert, dann nehme ich ein bestehendes Auto und tausche da das Radio aus. Dann vergleiche ich. Ich baue daf├╝r nicht ein komplett neues Auto. Genau so war das aber bei Sars-2: Das ganze Auto ist anders.“

Darum sei die Idee eines Forschungsunfalls f├╝r ihn „ausgesprochen unwahrscheinlich“. Zur Idee eines b├Âswilligen Einsatzes irgendeines Geheimdienstlabors m├╝sse man letztlich Geheimdienste fragen: „Wenn ├╝berhaupt, dann k├Ąme so etwas wohl nicht aus dem Wuhan-Virologie-Institut. Das ist ein seri├Âses akademisches Institut.“ Das Coronavirus war im Dezember 2019 erstmals in Wuhan nachgewiesen worden, kursierte aber wohl schon davor. In der zentralchinesischen Stadt gibt es das Institut f├╝r Virologie (WIV), das auch an Coronaviren forscht.

Experten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hatten nach einem Besuch in China einen Laborunfall als Ursprung der Pandemie als „extrem unwahrscheinlich“ bezeichnet. Allerdings gab es aus mehreren L├Ąndern Klagen ├╝ber unzureichenden Zugang f├╝r das WHO-Team und unvollst├Ąndige chinesische Daten. Auch im Bericht der WHO werden Marderhunde und andere kleine Raubtiere als m├Âgliche Zwischenwirte genannt. Die Experten betonten zudem die Notwendigkeit weiterer Studien.