5 MĂ€rz 2022

China senkt Wachstumsziel auf Rekordtief – Aber MilitĂ€retat steigt

Angesichts wachsender wirtschaftlicher Unsicherheiten auch durch den Ukraine-Krieg hat Chinas Regierung fĂŒr dieses Jahr mit „rund 5,5 Prozent“ das niedrigste Wachstumsziel seit drei Jahrzehnten vorgegeben. Dennoch sollen die MilitĂ€rausgaben mit Blick auf die verschĂ€rften Spannungen mit Taiwan, den USA und asiatischen Nachbarn ĂŒberdurchschnittlich stark um 7,1 Prozent wachsen. In einer Rede zum Auftakt der Jahrestagung des Volkskongresses am Samstag in der Grossen Halle des Volkes in Peking stellte Regierungschef Li Keqiang die Nation auf ein wirtschaftlich schwieriges Jahr ein.

Die zweitgrösste Volkswirtschaft stehe unter dem „dreifachen Druck“ schrumpfender Nachfrage, gestörter Lieferketten und sich abschwĂ€chender Erwartungen, begrĂŒndete der Premier die Senkung der Wachstumsvorgabe. Auch fehle es der weltweiten wirtschaftlichen Erholung an Antrieb. Selbst das niedrigere Ziel zu erreichen, „erfordert harte Anstrengungen“, sagte Li Keqiang in seinem Rechenschaftsbericht vor den knapp 3000 Delegierten.

Der Auftakt der jĂ€hrlichen Parlamentssitzung wurde von einem neuen Raketentest Nordkoreas ĂŒberschattet, das nach Angaben aus Japan und SĂŒdkorea mutmasslich eine ballistische Rakete abgefeuert hatte. Dass Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un ausgerechnet den Beginn der Jahrestagung in Peking fĂŒr seine neue militĂ€rische Provokation ausgesucht hat, dĂŒrfte bei seinem grossen Nachbarn fĂŒr Irritationen sorgen. UN-Resolutionen untersagen Nordkorea die Erprobung solcher Raketen, die auch Atomsprengköpfe tragen könnten.

In seiner Rede ging der Premier nicht auf den nordkoreanischen Raketentest ein. Auch erwĂ€hnte Li Keqiang die russische Invasion in die Ukraine mit keinem Wort. Ohnehin enthielt seine Rede kaum aussenpolitische Aspekte, ausser dass China an einem „neuen Typ internationaler Beziehungen arbeiten“ wolle. China hat die russische Invasion in die Ukraine nicht verurteilt und gibt Russlands PrĂ€sident Wladimir Putin auch RĂŒckendeckung, indem es die USA und die Osterweiterung der Nato kritisiert.

Die starke Steigerung der MilitĂ€rausgaben findet angesichts der Drohungen der kommunistischen FĂŒhrung gegenĂŒber dem demokratischen Taiwan und der Territorialstreitigkeiten mit Nachbarn im SĂŒd- und Ostchinesischen Meer besondere Aufmerksamkeit. Li Keqiang bekrĂ€ftigte den Willen Chinas zu einer „Wiedervereinigung“ mit Taiwan. Er wandte sich gegen „separatistische AktivitĂ€ten“ mit dem Ziel einer „UnabhĂ€ngigkeit Taiwans“ und gegen auslĂ€ndische Einmischung.

Die Spannungen um Taiwan lösen vor dem Hintergrund der russischen Invasion in die Ukraine neue Besorgnisse aus. Peking betrachtet das freiheitliche Taiwan nur als Teil der Volksrepublik und droht mit einer Eroberung. Die USA haben sich der VerteidigungsfĂ€higkeit Taiwans verpflichtet und liefern Waffen. FrĂŒhere US-Regierungen haben offengelassen, ob sie der Insel im Falle eines Angriffs auch militĂ€risch zu Hilfe kommen wĂŒrden. Doch sagte US-PrĂ€sident Joe Biden im Oktober, die USA hĂ€tten die „Verpflichtung“, dies zu tun.

Wirtschaftlich stimmte der Premier das Milliardenvolk auf grössere Unsicherheiten ein. Die wegen der Ukraine-Krise stark gestiegenen Rohstoffpreise bleiben aus seiner Ansicht hoch und neigen weiter zu Schwankungen. Der Premier sprach von einem „volatilen, ernsten und unsicheren“ Umfeld. „Es wird immer schwieriger, ein stetiges Exportwachstum aufrechtzuerhalten.“ Die Versorgung mit Energie und Rohstoffen sei nicht ausreichend. Auch komme es in China sporadisch weiter zu AusbrĂŒchen der Covid-19-Pandemie.

Die Ungleichgewichte in den Haushalten einiger Lokalregierungen seien weiter gewachsen. Es bestĂŒnden „viele potenzielle Risiken“ im Wirtschafts- und Finanzsektor, sagte Li Keqiang in seiner rund einstĂŒndigen Rede. Im Vorjahr hatte seine Regierung als Wachstumsziel noch „mehr als sechs Prozent“ vorgegeben. Doch wuchs die Wirtschaft auch wegen der niedrigen Vergleichsbasis durch die Pandemie im Vorjahr sogar um 8,1 Prozent. Die Dynamik schwĂ€chte sich zum Jahresende allerdings deutlich ab.

(text:sda/bild:unsplash)