31 Mai 2021

China lockert Familienpolitik: Drei Kinder erlaubt – aber gewollt?

China lockert seine umstrittene Familienpolitik und erlaubt Paaren k├╝nftig auch drei Kinder.

Wegen des unerwartet starken Geburtenr├╝ckgangs und der schnellen ├ťberalterung der Gesellschaft beschloss das Politb├╝ro der Kommunistischen Partei am Montag eine „Optimierung der Geburtenpolitik“. Die Wende soll helfen, die Bev├Âlkerungsstruktur zu verbessern und „aktiv“ auf die ├ťberalterung zu reagieren, wie die Nachrichtenagentur Xinhua berichtete. Experten zeigten sich skeptisch, ob die Drei-Kind-Politik erfolgreich wird.

Der Beschluss fiel nur drei Wochen nach der Ver├Âffentlichung der j├╝ngsten Volksz├Ąhlung. So droht die 1,4 Milliarden z├Ąhlende chinesische Bev├Âlkerung in wenigen Jahren zu schrumpfen. Als Gr├╝nde nannten Experten die seit 1979 geltende Ein-Kind-Politik, die erst 2015 aufgehoben und durch eine Zwei-Kind-Politik ersetzt worden ist, sowie die hohen Kosten f├╝r Wohnraum, Ausbildung und Gesundheit.

Auf der Sitzung des Politb├╝ros unter Vorsitz von Staats- und Parteichef Xi Jinping wurden daher „unterst├╝tzende Massnahmen“ f├╝r die Drei-Kind-Politik angek├╝ndigt. So soll die Gesundheitsversorgung vor und nach Geburten verbessert und ein universelles System zur Kinderbetreuung entwickelt werden, k├╝ndigte das Politb├╝ro eher vage an. Die Kosten der Familien f├╝r Ausbildung sollen reduziert werden.

„Es ist notwendig, den Erziehungsurlaub, den Mutterschutz, die Vorteile bei Steuer, Wohnraum und durch andere Unterst├╝tzung zu verbessern und die legitimen Rechte und Interessen der berufst├Ątigen Frauen zu sch├╝tzen“, hiess es in dem Beschluss des obersten Machtorgans der chinesischen F├╝hrung weiter.

Allerdings haben sich viele Chinesen l├Ąngst daran gew├Âhnt, nur ein Kind zu haben. Fachleute hoben hervor, dass Chinas umstrittene Familienplanung, die durch radikale Massnahmen das Bev├Âlkerungswachstum bremsen sollte, das Fruchtbarkeitskonzept der Chinesen komplett ver├Ąndert habe. Die heutigen Eltern stammen meist auch aus Ein-Kind-Familien und finden es aus eigener Erfahrung schon nicht ungew├Âhnlich, nur ein Kind zu haben.

In den vergangenen zehn Jahren ist Chinas Bev├Âlkerung aber nur noch um j├Ąhrlich 0,53 Prozent auf 1,41178 Milliarden Menschen gewachsen – so langsam wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Die seit 2015 verfolgte Zwei-Kind-Politik hatte nur im Folgejahr zu einem leichten Anstieg der Geburten gef├╝hrt. Seither ist die Zahl jedes Jahr gefallen. Im vergangenen Jahr ging die Zahl der Geburten nach offiziellen Angaben sogar um 18 Prozent auf zw├Âlf Millionen zur├╝ck.

Wie die Volksz├Ąhlung auch zeigte, schreitet die ├ťberalterung des Milliardenvolkes damit unaufhaltsam voran: Die Zahl der Chinesen ├╝ber 60 Jahre ist seit 2010 um 5,44 Prozent auf 264 Millionen gestiegen. Knapp jeder f├╝nfte Chinese (18,7 Prozent) ist heute schon ├Ąlter als 60 Jahre, w├Ąhrend die Bev├Âlkerungsgruppe im arbeitsf├Ąhigen Alter weiter zur├╝ckgeht. Die Gruppe zwischen 15 und 59 Jahren verkleinerte sich um 6,79 Prozentpunkte auf einen Anteil von 63 Prozent.

Experten warnen, dass der Arbeitskr├Ąftemangel und die demografische Entwicklung die zweitgr├Âsste Volkswirtschaft bremsen werden. Immer weniger Werkt├Ątige m├╝ssen immer mehr alte Leute versorgen. So wird eine unpopul├Ąre Anhebung des Rentenalters diskutiert.

China hat weltweit eine der niedrigsten Altersgrenzen: Frauen k├Ânnen je nach Beruf mit 50 oder 55 Jahren in Rente gehen – M├Ąnner mit 60. Die Regelung stammt aus den Anf├Ąngen der Volksrepublik, als die Lebenserwartung niedrig war.

Ob die j├╝ngste Volksz├Ąhlung aber ├╝berhaupt das wahre Ausmass der Entwicklung widerspiegelt, blieb unklar. So wiesen Experten auf Widerspr├╝che hin und deuteten an, dass die Lage noch d├╝sterer sein k├Ânnte. Die genannten zw├Âlf Millionen Geburten 2020 waren auffallend h├Âher war als die 10,04 Millionen, die das Ministerium f├╝r ├Âffentliche Sicherheit im Februar gemeldet hatte.

Da in China rund zehn Millionen Menschen im Jahr sterben, deutet der Geburtenr├╝ckgang in Richtung Null-Wachstum oder Bev├Âlkerungsr├╝ckgang.

Die Fruchtbarkeitsrate ist laut Statistikamt auf 1,3 Kinder pro Frau gefallen. Das ist deutlich niedriger als die 2,1, die f├╝r eine stabile Bev├Âlkerungszahl notwendig w├Ąren. Die Zahl der Eheschliessungen geht zur├╝ck, w├Ąhrend die Scheidungsrate in China viel h├Âher ist als etwa in Japan oder S├╝dkorea. Viele Paare warten auch mit der Heirat und gr├╝nden erst sp├Ąter Familien.

(text:sda/bild:unsplash)