31 August 2021

Amerikas lĂ€ngster Krieg ist vorbei – USA ziehen aus Afghanistan ab

Es ist eine ungewöhnliche Art und Weise, das Ende von Amerikas lĂ€ngstem Krieg zu verkĂŒnden. Der Oberbefehlshaber der US-StreitkrĂ€fte, PrĂ€sident Joe Biden, tat das am Montag nicht selbst, sondern schickte einen seiner Top-GenerĂ€le vor. In einer knappen Videoschalte mit Journalisten im Pentagon sagte General Kenneth McKenzie, der zustĂ€ndige US-Kommandeur fĂŒr die Region, am Montagnachmittag Washingtoner Zeit jenen folgenreichen Satz: „Ich bin hier, um die Vollendung unseres Abzugs aus Afghanistan zu verkĂŒnden.“ Damit ist der verlustreiche MilitĂ€reinsatz der USA und ihrer VerbĂŒndeten in dem Krisenland nach fast 20 Jahren beendet – und auch die militĂ€rische Evakuierungsmission der vergangenen gut zwei Wochen.

Afghanistan steuert nun einmal mehr auf eine ungewisse Zukunft zu. Und es ist unklar, was aus jenen wird, die keinen Platz in einem der militÀrischen Evakuierungsflieger ergattern konnten.

Um eine Minute vor Mitternacht Kabuler Zeit am spĂ€ten Montag hob laut McKenzie das letzte US-MilitĂ€rflugzeug vom Typ C-17 vom Flughafen der afghanischen Hauptstadt Kabul ab. Die Amerikaner hatten zuvor dazu geschwiegen, wie genau der sicherheitstechnisch heikle RĂŒckzug ihrer allerletzten Soldaten ablaufen wĂŒrde. Die Sicherheitslage war bis zum Schluss prekĂ€r: Kurz vor dem Abzug hatte der afghanische Ableger der Terrormiliz IS Raketen auf den Kabuler Flughafen abgefeuert.

Erst nachdem die letzte Maschine des US-MilitĂ€rs den afghanischen Luftraum verlassen hatte, veröffentlichte das Pentagon ein Bild des „letzten amerikanischen Soldaten“, der Afghanistan verlĂ€sst. Auf dem Foto ist – aufgenommen mit einem NachtsichtgerĂ€t – zu sehen, wie Generalmajor Chris Donahue jene letzte C-17 besteigt.

McKenzie betonte, nun sei kein einziger US-Soldat mehr in Afghanistan. Er rĂ€umte aber ein, es sei nicht gelungen, alle Menschen, die man in Sicherheit habe bringen wollen, auszufliegen. „Wir haben nicht alle rausgeholt, die wir rausholen wollten.“ Man habe bis zum letzten Moment die Möglichkeit gehabt, weitere US-BĂŒrger zu evakuieren. Aber einige hĂ€tten es nicht zum Flughafen geschafft.

Nach EinschĂ€tzung des US-Aussenministeriums sind noch zwischen 100 und 200 Amerikaner in Afghanistan, die das Land verlassen wollen. Biden hatte allen ausreisewilligen US-BĂŒrgern versprochen, sie aus Afghanistan herauszuholen. Der PrĂ€sident und sein Aussenminister Antony Blinken versicherten nach dem Abschluss des Truppenabzugs, die US-Regierung werde weiter alles daran setzen, zurĂŒckgebliebene Amerikaner, aber auch andere AuslĂ€nder und schutzbedĂŒrftige Afghanen aus dem Land zu holen – nun eben mit diplomatischen statt mit militĂ€rischen Mitteln. Doch wie genau das geschehen soll, ist unklar.

Nach der MachtĂŒbernahme der Taliban Mitte August hatten die USA und ihre internationalen Partner mit der MilitĂ€r-Evakuierungsmission begonnen. McKenzie sagte, in dieser Zeit habe allein das US-MilitĂ€r mehr als 79 000 Zivilisten aus Kabul ausgeflogen, darunter rund 6000 Amerikaner. Die USA und ihre VerbĂŒndeten hĂ€tten gemeinsam insgesamt mehr als 123 000 Menschen ausser Landes gebracht. Immer noch befinden sich aber Zehntausende Menschen in Afghanistan, die vor den Taliban fliehen wollen – bei den meisten davon handelt es sich im Afghanen.

Blinken betonte: „Die MilitĂ€rmission ist beendet. Ein neue diplomatische Mission hat begonnen.“ Diese wird jedoch aus der Ferne zu steuern sein. Denn mit dem Abzug der US-Truppen gaben die Amerikaner auch ihre diplomatische PrĂ€senz in Afghanistan auf. An Bord der letzten MilitĂ€rmaschine war Ross Wilson, der bisherige US-Botschafter in Afghanistan. Blinken sagte, die USA hĂ€tten ihre diplomatischen AktivitĂ€ten nun in Katars Hauptstadt Doha verlegt.

Die Taliban reagierten mit Jubel auf den Abzug der Amerikaner. Taliban-Sprecher Sabiullah Mudschahid schrieb auf Twitter, das Land habe jetzt völlige UnabhĂ€ngigkeit erreicht. Das hochrangige Taliban-Mitglied Anas Hakkani twitterte: „Wir schreiben wieder Geschichte. Die 20-jĂ€hrige Besetzung Afghanistans durch die USA und die Nato endete heute Abend. Gott ist gross.“

AuslĂ€ndische Truppen waren unter US-FĂŒhrung vor 20 Jahren in Afghanistan einmarschiert – als Antwort auf die TerroranschlĂ€ge von Al-Kaida-Terroristen vom 11. September 2001. Der internationale Einsatz fĂŒhrte damals zum Sturz der Taliban-Regierung, die Al-Kaida-Terroristen Unterschlupf gewĂ€hrt hatte. Der MilitĂ€reinsatz verschlang Unsummen, Zehntausende Zivilisten und afghanische SicherheitskrĂ€fte kamen ums Leben, ebenso wie mehrere Tausend internationale Soldaten, darunter 2461 Amerikaner. McKenzie betonte am Montag, der Preis fĂŒr die Mission sei hoch gewesen.

Biden Ă€usserte sich zunĂ€chst nur in einer schriftlichen Stellungnahme, in der er seine umstrittene Abzugsentscheidung erneut verteidigte. Erst fĂŒr diesen Dienstag kĂŒndigte der PrĂ€sident eine Ansprache an die Nation an. Dass der Oberbefehlshaber einen derart historischen Moment – das Ende eines fĂŒr die USA höchst schmerzhaften Einsatzes, der sich ĂŒber die Amtszeiten von vier PrĂ€sidenten erstreckte – nicht selbst verkĂŒndet, ist bezeichnend. Biden ist angesichts des chaotischen Abzuges heftiger Kritik ausgesetzt. Das Afghanistan-Debakel ist die bislang grösste aussenpolitische Krise seiner PrĂ€sidentschaft.

Der Demokrat hatte im April angekĂŒndigt, alle US-Soldaten spĂ€testens bis zum 11. September bedingungslos aus Afghanistan abzuziehen – dem 20. Jahrestag der AnschlĂ€ge von 2001 also. Nach Bidens Ansage kĂŒndigte die Nato an, den gesamten internationalen Einsatz in Afghanistan zu beenden. Im Juli zog Biden das Datum fĂŒr das vollstĂ€ndigen Abzug schliesslich auf den 31. August vor.

In den vergangenen Wochen ĂŒberschlugen sich die Ereignisse in Afghanistan dann: Nach Bidens AnkĂŒndigung gewann der Siegeszug der Taliban rasant an Tempo. Die militanten Islamisten ĂŒbernahmen eine Provinzhauptstadt nach der anderen – oft leisteten die afghanischen SicherheitskrĂ€fte wenig oder keinen Widerstand. Am 15. August floh der afghanische PrĂ€sident Aschraf Ghani ins Ausland, die Taliban marschierten kampflos in Kabul ein. Die US-Botschaft wurde geschlossen, die Diplomaten flohen an den Flughafen.

Von dort aus wickelten die Amerikaner und ihre VerbĂŒndeten zuletzt ihre atemlose Evakuierungsmission ab – geschĂŒtzt von mehreren Tausend zusĂ€tzlichen US-Soldaten, die vorĂŒbergehend nach Kabul geschickt wurden. Bei einem Anschlag des IS, der mit den Taliban verfeindet ist, wurden am vergangenen Donnerstag vor dem Flughafen schliesslich Dutzende Afghanen und 13 US-Soldaten getötet. Amerikas lĂ€ngster Krieg endete auf besonders dĂŒstere Weise.

(text:sda/bild:twitter/departmentofdefense)